4.2  B A L A L A I K A     U N D     D O M R A

            "THE  BOWL  BACK  BALALAIKA"

BALALAIKA. (Prim-Balalaika. Mensur 44 cm)
DOMRA. (Prim-Domra. Mensur 36 cm). In Restauration: Saiten und Steg fehlen.

 

Die Domra  -  eine runde Balalaika

 

Domra - Kürbisbalalaika

Die Domra ist ein Lauteninstrument mit halbkugelförmigem Korpus und einer runden bis ovalen Decke. Diese Form erklärt sich aus der historischen Bauweise dieses Instruments: die Domra wurde aus einem (halben) Kürbis gebaut.

 

Die runde Deckenform  ergibt sich aus einem  q u e r  geschnittenen Kürbis,

die ovale Deckenform  durch einen Kürbis, der  l ä n g s  halbiert wird.

 

( siehe  2.1. Balalaika und Kürbis )

 

Domra - Holzbalalaika

Heute wird die  Domra aus Holz in zusammengesetzter Teilebauweise hergestellt, aber der  Korpus hat seine Kürbisform behalten. Die Holzform imitiert die Kürbisform.

Erklärung: Bewahrung des "Halbkugelklangs".

 

Die "Domra" wurde bis ins 19. Jhd. häufig als "Balalaika" bezeichnet, obwohl sie einen runden und keinen dreieckigen Korpus besaß. Die Bezeichnung "Balalaika" bezieht sich also nicht auf die Dreiecksform des Instruments.

"Balalaika" ist ein Synonym für "Tanbur", und zwar für eine Tanbur jedweder Form.

 

Runde Domra und dreieckige Balalaika sind zwei besonders markante Variationen der persischen Tanbur, die in noch vielen anderen Formvarianten begegnet.

Später wurde in der Benennung dieser beiden Instrumente folgende Unterscheidung vorgenommen:

 

"Balalaika" = die dreieckige Tanbur,

"Domra"    =  die runde Tanbur.  Außerdem sehr verbreitet ist die

"Dombra"  =  die tropfenförmig-ovale Tanbur, die in Kasachstan gespielt wird.

 

Zum Vergleich: Bei der Gitarre, die ebenfalls eine Langhalslaute ist und auf den Tanbur-Typ zurückgeht, gilt eine einheitliche Bezeichnung:

Obwohl auch sie heute in verschiedenen Formvariationen existiert, hat sie jedoch immer ihren Namen "Gitarre" beibehalten, auch bei Nicht-Lemniskat-Typen.

Z.B. ist die  "Martin Backpacker - Travel Guitar"  eine "Gitarre", obwohl sie eine  dreieckige Form hat, ebenso die E-Gitarren in ihren vielfältigen Formgebungen.

 

Tanbur - Dombra - Domra - Balalaika

 

Halslänge und Saitenstimmung

Die ovale Dombra, die runde Domra und die dreieckige Balalaika gehen alle auf die persische Langhalslaute "Tanbur" zurück.

Auch die Anzahl der Saiten ist oft identisch mit dieser. Wie die Tanbur in zwei- und dreisaitiger Ausführung existiert (Dutar und Setar), so gab es anfangs auch die Domra als zweisaitiges und als dreisaitiges Instrument,  und ebenso die Balalaika in zweisaitiger und dreisaitiger Ausführung.

 

Die Dreieck-Balalaika ist heute stets dreisaitig (teilweise oder ganz auch doppelchörig).

Die rundbauchige Domra gibt es heute in zwei Ausführungen:

 

1. Die dreisaitige Domra

gestimmt  in  Quarten:  e1 -  a1 -  d2 

(bisweilen auch wie die Dreiecksbalalaika gestimmt:  e1 -  e1 -  a1 )

 

2. Die viersaitige Domra

gestimmt wie die Geige und Mandoline:

g - d1 -  a1 -  e2 .

 

Die Dombra,

das kasachische Nationalinstrument, ist heute noch stark an der alten persisch/ägyptischen Tanbur orientiert. Wie diese besitzt sie

2 Saiten, gestimmt im Quartabstand  d - g.  Wie die alte Tanbur besitzt die kasachische Dombra heute noch einen sehr langen Hals.

Domra und Balalaika haben den Hals der Tanbur verkürzt, um so besser Akkorde und Dreiklänge spielen zu können.

 

Domra und Dreiecks-Balalaika wirken durch ihren kürzeren Hals "europäischer", die langhalsige Dombra präsentiert sich "asiatisch".

 

Balalaika und Tanbur

Balalaika und Domra gehen beide auf dasselbe Instrument zurück: die persische Tanbur. Die Tanbur wurde in Russland "Balalaika" genannt, egal, welche Form sie hatte. Bis ins 19. Jhd. bezeichnete "Balalaika" eine Tanbur sowohl in dreieckiger  als auch in runder Form. Wann der Name "Balalaika" auf die Tanbur übertragen wurde, ist nicht ergründbar.

Nikolai Gogol beschreibt in seinem Roman "Toten Seelen" (Erstausgabe 1842) ein  Instrument, das aus einem runden "moldawischen Kürbis" gemacht ist, und nennt den Namen des  Instrumentes: "Balalaika". Die Anzahl der Saiten dieser "Kürbisbalalaika" erwähnt er nicht.

Heute würden wir diese Kürbisbalalaika wegen ihrer runden Form als Domra bezeichnen.

 

Für die Domra gibt es folgende Bezeichnungen:

Rundkorpus-Balalaika

Domra-Balalaika

Bowl back balalaika

 

Ab dem 20. Jhd. setze sich eine Begriffsklärung durch:

 

Der Name "Balalaika" wird auf das  dreieckige  Instrument (Tanbur) angewandt,

der Name  "Domra"  dient zur Bezeichnung der  runden  "Balalaika" bzw. Tanbur.

Der Name "Domra" läßt sich herleiten von dem Namen "Tanbur"

Folgende Namensvarianten der Tanbur sind bezeugt:

Tanbur - Tumbur - Tumbura - Dumbra - Dombra - Domra. 

(Sachs, Reallexikon der Musikinstrumente)

 

 

Die Domra  -   ein Instrument des Königs David ?

 

Nach biblischer Überlieferung hat König David zwei Saiteninstrumente selber gespielt: Die zehnsaitige Kinnor  und  die Nevel (Nabla). Die Kinnor wird als Lyra (Leier) oder Harfe gedeutet. Die Nevel, so vermuten einige Forscher, könnte mit der Langhalslaute Tanbur identisch sein.

In einer Bibelübersetzung des Semjon Budno aus dem 16. Jhd. wird eines der  Instrumente des Königs David als  "Domra" erklärt.

 

 Die Domra - ein Instrument, um Gott zu loben:  Diese Definition des Domra könnte eine Erklärung dafür sein, daß die "weltliche" Verwendung der Domra später untersagt wurde und unter Strafe stand. Die Domra geriet in Vergessenheit und mußte später von Andrejew rekonstruiert werden.

 

"Хвалите Господа на домрах"

In wikipedia ru findet man unter dem Stichwort "Домра" folgende Information:

"В Польше сохранилось издание Библии перевода Семёна Будного (Несвижская, 1571 -72 гг., так называемая, "арианская"), в котором используется название инструмента "домры", как перевод слова "органум", то есть "инструмент", чтобы подчеркнуть всеобъемлющее прославление народом Бога в Псалмах Царя Давида ("Хвалите Господа на домрах").  (...)"

 

Die folgende Abbildung ist entnommen einem Psalmenbuch aus dem Jahr 1594. Unten im Bild in der Mitte ist zu sehen ein Spieler mit einem runden Lauteninstrument, das als Domra gedeutet wird, aber sowohl eine Kobsa (Vorläuferin der Bandura) als auch eine arabische Laute (Querriegel-Steg und Knickhals!) sein könnte.

Aufgrund der Nennung von Domren in der Bibelübersetzung des S. Budno aus gleicher Zeit wird das Instrument als  Domra gedeutet.

"Domra" allerdings ist auch ein Synonym für "Tanbur", und bezeichnet eine Halslaute jedweder Form.

 

Давид-псалмопевец Годуновская псалтирь 1594. Bildnachweis: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:%D0%94%D0%B0%D0%B2%D0%B8%D0%B4-%D0%BF%D1%81%D0%B0%D0%BB%D0%BC%D0%BE%D0%BF%D0%B5%D0%B2%D0%B5%D1%86_%D0%93%D0%BE%D0%B4%D1%83%D0%BD%D0%BE%D0%B2%D1%81%D0%BA%D0%B

Die Verwandlung der Tanbur in Domra und Balalaika

 

Domra und BalalaikaDas Kürbis-Instrument Tanbur (Dombra/Domra/Balalaika) konnte  sich, als es in Holzbauweise hergestellt wurde und nicht mehr unter "Kürbisformzwang" stand, wandeln. Die Holzbauweise ermöglichte einen großen Formenreichtum, auch den Bau einer Dreiecksform.Die Domra allerdings ist der runden Kürbisform der Tanbur treu geblieben, nur der Instrumentenhals wurde verkürzt. Auf der obigen Buchmalerei ist der verkürzte Hals zu erkennen.

 

Kugelklang und Kastenklang

Korpusformen haben Einfluss auf den Klang. Wegen ihres bauchigen tiefschaligen halbkugligen Korpus ist der Klang der Domra ein anderer als der Klang der Balalaika, die flachschaliger gebaut ist und zudem noch Dreiecksform besitzt.

Die Krümmung einer Fläche hat großen Einfluß auf die Reflexion der Oberton- schwingungen im Gesamt-Klangspektrum eines Instruments. Besonders im Harfenbau wird diese Erkenntnis beachtet und bei der Konstruktion des Resonanzkörpers angewandt.

 

 

Jedes Gehäuse hat seinen artspezifischen Klang. Hier ein kurzer Klang-Vergleich Domra -Balalaika:

 

Domra  =  Schalenklang

Die Domra entfaltet wegen ihrer Halbkugelform ein Klangspektrum, das sie in eine Kategorie mit vielen anderen Kürbisinstrumenten und rundbauchigen Holzkorpus-Instrumenten stellt.

Es ist der bekannte Klang der Laute und eines kleineren Intrumentes: der italienischen (neapolitanischen) Rundbauch-Mandoline. Ein sehr schöner, weicher und "süßer" Klang.

Die dreieckige Balalaika verändert durch ihre Formveränderung diesen Klang und fügt ihm ein Stück Herbheit hinzu.


Balalaika   =   Kastenklang,  Schalenklang und Dreiecksklang

Die Balalaika ist ein instrumentenbauerisches komplexes Meisterwerk wie es kaum ein zweites gibt. Es beinhaltet zwei, ja sogar drei Instrumente in einem. Die Balalaika ist deswegen auch ein Instrument, das sich klanglich nicht eindeutig einordnen läßt. Sie öffnet die Türen zu mehreren Klangwelten:

1. schaliger Korpus

Wegen der "Schaligkeit" ihres Instrumentenbodens öffnet sie die Klangwelt der rundbauchigen Kalebasseninstrumente.

2. kastiger Korpus

Wegen ihrer "Kastigkeit" (man beachte das schräge Hinterbrett, die Sadinka) öffnet sie die Klangwelt der Trogzitherinstrumente.

3. flacher Korpus

Wegen der Flachheit ihres Korpus ( Frühe Balalaiken hatten eine extrem flache Bauform!) bewirkt sie eine  direkte unmittelbare "Ansprache" des Resonanzkorpus auf den Ton der schwingenden Saite - ein typisches Merkmal des Balalaikaklangs.

(Die geschieht auf Kosten der Bässe. Aber die Balalaika ist in ihrer traditionellen Baugröße kein Bass-Instrument, sondern ein "Bala"-Instrument: sie spricht in der Tonlage einer Kinderstimme: "bala" = tatarisch "Kind").

4. dreieckiger Korpus

Wegen ihrer Dreiecksform öffnet sie die Klangwelt der Psalterien.

 

Die  russische  Balalaika:     Synthese  von  Formen

Kürbisform (= Schale)  +  Kastenform (Backtrog)  +  Dreiecksbrett

 

1. Die Kürbisform der alten Balalaika lebt noch heute weiter in ihrer gerundeten Korpus-Schale. Nur das Deckbrett der Balalaika ist (fast) plan, die Unterseite ist stets gerundet. Neben ihrer "Kürbisidentität" hat sie noch zwei "Holzkastenidentitäten" aufzuweisen.

 

2. Die Trogform der alten Holzschnitz-Balalaika (Dolbljonaja balalaika) zeigt sich

in dem schrägen Hinterbrett des Balalaika-Korpus: der Sadinka, ein typisches Merkmal der Tröge und Schaufeln.  Ein Backtrog besitzt zwei dieser schrägen Wände: am Kopf- und am Fußende.  Ebenso der Trog-Sarg. Die Sadinka entspricht dem schrägen Fuß-Brett des Trog-Sargs (russ. "sad" = hinten). Wer es nicht so gruselig erklärt haben will: die  Sadinka entspricht dem unteren Schrägbrett eines Troges bzw. dem einen Schrägbrett eines vorne offenen "Halbtroges", der Schaufel.

 

3. Die DreiecksDeckenform der Balalaike verweist auf die Kastenform des traditionellen russischen Psalteriums, der Gusli.

Von der Draufsicht her zeigt sich die Balalaika als eine breit-dreieckige "krylovidnye gusli mit Hals".

 

 

 

Die Domra -

"Vorgängerin  und  Mutter  der  Balalaika" ?

Oft liest man, daß die Domra die Vorgängerin oder "Mutter" der Balalaika ist:  Aber das ist falsch. 

Domra und Balalaika existierten und existieren nebeneinander. Wenn man schon unbedingt Verwandschaftsverhältnisse  ins Spiel bringen möchte, dann ist die Balalaika zutreffender als  Schwester  der  Domra  bezeichnen.

 

Balalaika und Domra  =  2 Varianten der Tanbur


Beide, die runde Domra und die dreieckige bzw. schaufelförmige Balalaika  sind zwei Varianten der Tanbur, der alten persischen Langhalslaute.

Domra und Balalaika sind gleichzeitige Erscheinungsformen der Tanbur: Die halbkugelförmige Domra geht auf die Kürbis-Tanbur zurück, die dreieckige Balalaika ist aus der Holz-Tanbur (Holztrog-Tanbur) hervorgegangen.

 

Je nach Region und verfügbarem Baumaterial (Kürbis, Holz) war entweder die eine oder die andere Form vorherrschend. Auch die Klangvorliebe des Instrumentenbauers und -spielers war entscheidend: die Domra erzeugte einen "Mandolinenklang", die Balalaika erzeugte mit ihrem dreieckigen Korpus und ihrer kastigen Bauweise einen herberen Klang, der an die alte vertraute russische Gusli erinnerte.

 

Domra  -  a bowl back version of russian balalaika

 

Das Wort "Balalaika" ist die aus der tatarischen Sprache entlehnte russische Bezeichnung für die in Russland seit dem 10. Jahrhundert bekannte Tanbur. Diese gab es auch in halbkugelförmiger Ausführung ("halber Kürbis").

Somit ist die Domra mit ihrem halbkugelförmigen Korpus eine authentische Balalaika.

Genauer muß es heißen "authentische Tanbur", denn die Bezeichnung "Balalaika" ist erst später (frühestens im 13. Jhd.) auf die Tanbur übertragen worden.

 

Während die dreieckige Balalaika als russisches Instrument gilt, trifft man die runde Domra besonders häufig in der Ukraine an.

 

Die Domra wird im Englischen gerne bezeichnet als "a bowl back version of the russian balalaika". Das kann man gelten lassen, ist aber vom zeitlichen Verlauf her gesehen nicht ganz korrekt.

Richtig müßte es heißen:

russian balalaika  -  a triangular version of the tanbur

ukrainian   Domra  -  a bowl back version of the tanbur

 

 

Рад скомрах о своих домрах

 

Die frühe Domra (, die auch "Balalaika" genannt wurde), die in ihrer einfachen Bauart (wie bei Gogol beschrieben)  aus einem Kürbis hergestellt war, war ein beliebtes Instrument der Skomorochen, der russischen fahrenden Sänger und Possenreißer.

Ein altes Sprichwort lautete: 

                              "Рад скомрах о своих домрах"

                              "Freude haben die Skomorochen an ihren Domren"

 

( J. Keldysch, Geschichte der russischen Musik, S.68 )

 

Der Kürbis-Korpus der Domra wurde mancherorts und später generell durch einen Holzkorpus ersetzt. Ein aus einem massiven Holzblock herausgeschälter halbkugelförmiger Resonanzkörper ist jedoch in Russland unüblich und nicht belegt.

Der Korpus wurde aus einzelnen Holzspänen (Apfelsinenschalen-Prinzip) zusammengesetzt. Das war eine schwierige Arbeit und erforderte große handwerkliche Fähigkeiten. Solche Domren wurden in Musikinstrumenten- werkstätten hergestellt.

 

Vergleich  Domra - Balalaika


Die Domra hat sich parallel zur dreieckigen Balalaika aus der persischen Tanbur entwickelt.

Die mit der Prim-Balalaika vergleichbare Domra, die "Domra Prima" ist zwar - wie die Balalaika ein Langhalsinstrument, besitzt aber eine kleinere Mensur und tendiert aber wegen ihrer kleineren Größe eindeutig zur Kurzhalsigkeit der Mandoline. Die Domra Prima kann eine Mensur haben von 42 cm bis 35 cm.

Die vielgespielte  viersaitige Domra hat wie die Mandoline eine Stimmung in Quinten

( g -d - a - e ).

Die dreisaitige Domra ist in Quarten gestimmt  ( Domra Prima: e´  - a´  - d´´ )

 

Die Dreiecks-Balalaika   -   eine  Domra-Bauart  für  Unbegabte?


In manchen Darstellungen der Geschichte der Balalaikaist zu lesen, die Dreiecksform der Balalika sei entstanden, weil es für das einfache bäuerliche Volk zu schwierig gewesen sei, eine Domra in ihrer halbrunden Spanbauweise zu fertigen.

Also - so die Argumentation - kam das bäuerliche Volk  auf die Idee, den Halbrund-Korpus der Domra durch eine  einfacher zu bauende  Korpusform zu ersetzen. Also baute man die Domra dreieckig.

 

Hier gilt folgender Einwand:

Einen Dreiecks-Schalenkorpus herzustellen, ist überhaupt nicht einfach. Wenn es wirklich darum gegangen wäre, die Halbkugel der Domra durch irgend einen wirklich einfach zu bauenden Klangkörper zu ersetzen, dann hätte man gewiß einen viereckigen Holzkasten gebaut ( von ähnlicher Form wie die mongolische Pferdekopfgeige). Rechteckige Bretter sind einfacher zurechtzuschneiden als dreieckige. Einen viereckigen Kasten zu bauen ist keine schwere Arbeit.

 

Die Dreiecksform der Balalaika ergab sich nicht als Verlegenheitslösung für die Unfähigkeit, eine Halbrund-Domra zu bauen, sondern ist entwickelt worden aus der Schaufelform der holzgeschnitzten Tanbur, die wegen ihrer Dreiecksform einen ganz spezifischen Klang erzeugte.

Dieser Klang erinnerte an den Klang der alten vertrauten Gusli, des russischen dreieckigen Psalteriums. Durch Vergrößerung der Dreiecksform wurde der Klang gusli-ähnlicher.

 

 

Die Domra  -  eine "russifizierte" Mandoline ?

 

Domra und Mandoline


"Russifizierte Mandoline": so wird die Domra auch genannt. Stimmt das?

Der Domraklang erinnert - anders als der Klang der dreieckigen Balalaika - sehr starkj an den Klang der italienischen neapolitanischen Mandoline, dem "Kartoffelkäfer",  auch ihre Bauart ist ähnlich (halbkugelrunder Käfer).

 

Beim Hörvergleich  Balalaika-Domra  kommt man in der Tat zu der Überzeugung, daß die Domra mehr Übereinstimmungen mit der  M a n d o l i n e  hat als mit der heutigen dreieckigen Balalaika.

Der Begriff "russifizierte Mandoline" ist aber sachlich unrichtig. Hier wird suggeriert, daß die italienische Mandoline irgendwann nach Russland gelangte und dort modifiziert und russischen Verhältnissen angepaßt ("russifiziert") wurde.

Die Bezeichnung "Russische Mandoline" wäre zutreffender und sachlicher. Sie besagt: in Russland ist - aufbauend auf der alten persischen Tanbur -  ein rundbauchiges Instrument entwickelt worden, das einer italienischen neapolitanischen Mandoline gleicht und auch so ähnlich klingt.

 

Siehe auch: Balalaika und Mandoline

 

 

Sechs Merkmale, die Domra und Mandoline gemeinsam sind:

 

1. Der Rundbauch. Beide besitzen einen sehr ähnlich aufgebauten

    rund-bauchigen, stark gewölbten Korpus.

    (Mandoline: ovaler Schalenkorpus,  Domra: halbkugelförmiger Korpus)

 

2. Das  durchbrochene  Wirbelbrett. Dises ist bei Domra und Mandoline

    gleicherweise  anzutreffen ( "Wirbel k a s t e n"  bzw. "Fenster-Kopfplatte"oder

   "geschlitzte Kopfplatte" (slotted headstock).

 

    Die  Balalaika  hat  stets  eine  einfache  flache  fensterlose Wirbelbrett- 

    form mit seitenständigen Wirbeln. Nur vereinzelt trifft man bei 6-saitigen

    Balalaiken, die von Mandolinenbauern angefertigt wurden, auf ein doppelt

    geschlitztes Wirbelbrett.

 

    Die Mechanik eines solchen geschlitzten Mandolinen/Domra- Wirbelbretts hat

    waagerechte Spulachsen und unterständige Wirbel.

    Das als Wirbelkasten ausgeprägte Wirbelbrett ist häufig am Ende mit einer

    Schnecke  bzw. einem  Haken versehen. Diese(r) ist zum Griffbrett  h i n  

    eingerollt bzw. weggebogen.

    Bei der usbekischen Rebab, einer fellbespannten Dom(b)ra, ist die Biege-

    richtung umgekehrt: nach unten, vom Griffbrett   w e g .

 

3. Das Plektrum. Domra und Mandoline werden mit dem Plektrum gespielt.

    Sie haben dadurch einen sehr lauten und präsenten Klang. Die Saiten der

    Balalaika wird nicht mit dem Plektrum, sondern nur mit den Fingerkuppe

    angeschlagen. ( Ausnahmen: Bass- und Kontrabassbalalaika. )

 

4. Die Saitenstimmung. Die viersaitige Domra besitzt die gleiche Stimmung 

    wie die Mandoline:  g - d - a´ - e´´  ( = Quintenreihe wie Violine ).

    (Die  d r e i saitige Domra ist in Quarten gestimmt.)

 

5. Die Grifftechnik  des Spielens  o h n e  Daumen . Beim Greifen der

    untersten tiefen Saite wird weder bei der Domra noch bei der Mandoline der

    Daumen eingesetzt. Bei Balalaika und Dombra gehört das Greifen der

    untersten Saite mit dem Daumen zur Standart-Spielart.

 

6. Das  Tremolo.  Wie  bei  der  Mandoline  wird  bei  der  Domra  die Tremolo-

    Spielart sehr häufig eingesetzt, häufiger als bei der Balalaika.

    Es gibt wundervolle Domra-Orchestren, deren Spiel man ohne Ende zuhören

    könnte. Trotzdem ist die dreieckige Balalaika das Instrument mit dem

    geheimnisvolleren Klang.  Woher rührt das Mysterium des Balalaikaklangs?

 



Die Domra - eine Instrumentenfamilie

 

Wassili Andrejew, der "Vater der Balalaika", hat sich nicht nur der

d r e i e c k i g e n   Balalaika  angenommen, sie neu entdeckt, weiterentwickelt und weltweit bekannt gemacht, sondern er hat auch  der  r u n d e n 

halbkugelförmigen Ausführung  der Balalaika, der Domra, ähnliche Aufmerksamkeit geschenkt.

 

Auch die Domra hat er - wie die dreieckige Balalaika- in mehreren Größen gebaut und zu einer Konzertfamilie gestaltet.  Zur heutigen Domra-Familie gehören insgesamt acht Instrumentengrößen.

 

Dennoch hat die Domra nie die Bekanntheit und Beliebtheit der dreieckigen Balalaika erreicht, trotz des Einsatzes von Alexej Stachowitsch in der bündischen Jugend in Deutschland und Österreich - und zahlreicher, sehr guter, Domrenorchester und vieler - meist ukrainischer -  Domravirtuosen.

 

Die  Spielhaltung  der  Domra

 

Gespielt wird mit Antirutschmatte

Die Domra wird wie dieBalalaikaim Sitzen gespielt. DieBalalaikahat, da die untere Ecke ihres Korpus zwischen den Oberschenkeln ruht, einen festen Sitz.

Der runde Korpus der Domra liegt auf dem rechten Oberschenkel auf.

Das die Domra Halbkugelform hat, macht das Ruhen auf  dem Oberschenkel gewisse Schwierigkeiten.

Die Domra neigt dazu, beim Spielen nach rechts oder links vom Oberschenkel abzurutschen. Ein sicheres Greifen der Bünde ist unmöglich, da der Spieler viel Aufmerksamkeit verwenden muß, um den Domrakorpus in Position zu halten.

 

Anfänger der Domra behelfen sich damit, daß sie eine Antirutschmatte auf den Oberschenkel legen. Oder diese Matte wird um den gesamten Rücken der Domra gelegt, so daß auch der Oberkörper des Spielers die Bewegung des Instruments bremst.

Auch im professionellen Domra-Unterricht an Konservatorien wird dieses Hilfsmittel der Antirutschmatte angewandt.

Der Wirbelkasten der Domra mit nach oben gebogener Schnecke

Domraklang und Balalaikaklang

 

Während die Balalaika wegen ihrer Korpusform zwei Lautenarten zugehörig ist (Schalenkorpus- und Kastenkorpuslaute) präsentiert sich die Domra klar als Schalenkorpuslaute.

Mit der Korpusform "Schale", speziell mit der Halbrundschale  ist auch ein bestimmter Klangcharakter verbunden. Er erinnert an die italienische Rundbauch-Mandoline (eigentlich: "Rundrücken"), den "Kartoffelkäfer", die auch eine fast halbrunde Korpusform aufweist. Kastige Formen erzeugen einen etwas "schärferen" Klang als gerundete Korpusformen.

 

 

 

Die Balalaika verbindet  z w e i  Instrumentenwelten.

Die Balalaika ist klangwelt-überschreitend. Zuallererst und von ihrer Herkunft her ist die Balalaika - wie die Domra - eine  Laute. Als solche ist sie auch in der Musikinstrumenten-Systematik klar definiert.

Lauten sind aber normalerweise nicht dreieckig. Die Dreiecksform stammt vom Psalterium, von der Gusli.

Das Lauteninstrument "Balalaika" ist mit der Gusli, dem dreieckigen russischen Psalterium, eine Synthese eingegangen. Zwei unterschiedliche Instrumentenwelten haben sich hier verbunden. Diese Verbindung verleiht der Balalaika ihren grenzüberschreitenden schillernden Klang.

 

West-östlicher Diwan

Der "West-östlichen Diwan", ist eine Dichtung Goethes, die persische und westlich-abendländische Kultur miteinander in Verbindung bringt:

Wer sich selbst und andere kennt,
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Im Gedicht "Gingo biloba" des  West-östlichen Diwan  schreibt Goethe

" Fühlst du nicht an meinen Liedern, daß ich Eins und doppelt bin? "

Diese Worte sind zwar im Hinblick auf ein Ginkgo-Blatt gesagt, das  aus zwei Dreiecks-Blatthälften besteht, aber sie gelten auch für die "west-östliche" Dreiecksform der Balalaika.

 

Die  Balalaika  ist  ein  Hybrid-Instrument.

Sie verbindet Laute mit Psalterium (Gusli).  Ihre Form ist nicht - wie bei der Violine - festgelegt, sondern sie "changiert". Die Balalaika existiert in sehr vielen Formvarianten, die teils mehr zur  Welt der Gusli, teils mehr zur  Welt der Schalenkorpus-Laute (Dombra) hin tendieren. Die Bildfolge am Ende dieses Kapitels dokumentiert dies.

Die Form der Domra hingegen ist immer die gleiche:

sie ist die  polusferitscheskaya domra (Halbkugel-Domra) und besitzt die Form des Gogolschen runden Kürbisses. Abweichungen von der perfekten Halbrundform kommen hin und wieder vor, fallen aber nicht ins Gewicht.

 

Welcher Klang als schöner empfunden wird, der Klang der Domra oder der Klang der Balalaika, ist letztendlich immer Geschmacksache.

Kenner allerdings sind sich einig: dem Klang der Balalaika wohnt der größere Zauber inne. Und immer wieder hört man die Aussage: "Wenn eine Balalaika spielt, klingt es so, als ob mehrere Instrumente spielen."

 



Italienische Mandoline ("Kartoffelkäfer"). Hier mit seitenständigen Wirbelachsen.
Usbekische Rebab ( Korpus ähnlich Domra ). Wirbelkasten mit nach unten gebogenem Haken
Domra. Schalenförmiger Korpus (Halbkugel)
Balalaika . Schalenförmiger Korpus. Boden mit mittiger Naht (" Nalimov-Bauart")
Balalaika. Kastenförmiger Korpus. Boden mit mittigem Span ("Passerbski-Bauart")