Schlemovidnye gusli (Helm-Gusli) aus Nowgorod. Helm in der Form eines Frauen-Kokoschnik. Bildnachweis: wikimedia commons.http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Datei:Russ_instr_gusli_shlem.GIF&filetimestamp=20050617092206

5.2. Das russische Psalterium

Die Gusli 

 

( Bild rechts: eine schlemovidnye gusli )

 

Bevor die Balalaika in Russland durch Andrejew 1883 ihren Aufstieg erlebte, gab dort die Gusli den Ton an.  (vgl. 1.4.1)

Die Balladen der Skomorochen (der fahrenden Musikanten), die Heldenepen, die Volkslieder und Romanzen wurden zur Gusli vorgetragen und auf der Gusli begleitet. Diese alten Gesänge nannte man Stariny (pl.), (starina von russ. stary=alt). Ab dem  19. Jhd. verwendete man dafür die Bezeichnung "Bylinen". Zentralmotiv der Bylinen sind historische Ereignisse, meist wird geschildert der siegreiche Kampf russischer Helden und Heerführer gegen die kriegerischen Tataren.

E i n e  russische Stadt ist besonders mit der Gusli verbunden: Nowgorod, die Stadt, in der das erste russische Reich gegründet wurde.

 

5.2.1. Nowgorod und die Gusli



Die Gusli war das Instrument des legendären Sadko, des Sängers und Kaufmanns aus Nowgorod. Eine alte Byline berichtet, daß er mit seinem Spiel alle, die im  Reich des Meerkönigs lebten, betörte. Der Komponist Nikolai Rimski-Korsakow setzte ihm in seiner  Oper "Sadko" ein Denkmal und machte ihn dadurch auch außerhalb Russlands bekannt.

Die Gestalt des Sadko geht zurück auf einen historisch bezeugten Kaufmann Sadko, der im 12.Jahrhundert in Nowgorod lebte.

Nowgorod Weliki, am Wolchow gelegen, nördlich von Moskau, (nicht zu verwechseln mit Nishnij Nowgorod an der Wolga, östlich von Moskau), war seit 1184 ein Stützpunkt der Hanse und die größte Handelsstadt im östlichen Europa. Sie war das Bindeglied zwischen der Ostsee und dem Mittelmeer/Schwarzem Meer/Kaspischem Meer. Über Nowgorod fand der Kulturaustausch statt zwischen Europa und dem Orient. Die Handelsverbindungen gingen bis China, Indien und Persien (die Wolga verbindet Nordrussland mit Persien). Waren aller Art waren auf dem Markt in Nowgorod erhältlich, es gab in Nowgorod 8 Handelsplätze.

Gewiß gehörten auch Musikinstrumente zu den Handelsgütern.

 

Es ist sehr wahrscheinlich, daß über Nowgorod das in Westeuropa sehr populäre Psalterium, das in zahlreichen Abbildungen der westlichen Buchmalerei bezeugt ist, seinen Weg nach Russland fand und dort mit der älteren aus Persien stammenden Hals-Laute, der Tanbur, in Konkurrenz geriet.

Beide Instrumente wurden in Russland geliebt. Die Folge dieser Liebe war, daß aus der Verbindung von Tanbur und Psalterium die Balalaika entstand.

Somit wäre die Handelsstadt Nowgorod als Keimzelle zur Entstehung der heutigen Balalaika anzusehen.

Ein weiteres Instrument wird gerne vergessen: der Gudok , die russische Ausführung des Rebec, einer Geige. Älteste Funde dtsammen aus Nowgorod.

Über den genauen Verlauf der Wege, wie all diese Instrumente nach Russland gelangten, kann man natürlich nur spekulieren. Ob von slawischen Stämmen ins spätere Kiewer Reichsgebiet mitgebracht, oder von Kaufleuten in dieses eingeführt, darüber gibt es keine Kunde. Eine historische Sicherheit wird man nie erreichen.

Was den Weg des Psalteriums anbelangt, muß man bedenken, dass das Psalterium nicht nur in Europa verbreitet war. Das Psalterium war sowohl in Persien als auch in Byzanz beheimatet.  In Persien trug dieses Instrument (seit Alexander dem Großen) den gräzisierten Namen "Santur". 

Somit wären drei Wege möglich, auf denen das Psalterium nach Russland gelangen konnte: aus West- oder Nordeuropa über die Ostsee, aus  Persien  über das Kaspische Meer und aus  Byzanz über das Schwarze Meer. In Nowgorod liefen alle drei Wege zusammen.

 

Der Sänger Sadko aus Nowgorod spielte die Gusli, nicht die Balalaika. Die Balalaika hat es damals im 12. Jhd. schon gegeben, aber nicht in ihrer heutigen dreieckigen Form. Sie hieß auch noch nicht Balalaika, sondern Tanbur. Die damalige "Balalaika" war eine Laute mit langem Hals und kleinem Korpus, die wie die persische Tanbur eine ovale Form besaß  ("Holzlöffel-Balalaika").  Sie hat auch nur 2 Saiten besessen. Mit der Klangfülle der mehrsaitigen Gusli konnte sie nicht mithalten.

Die Gusli war im 12. Jhd unter den Saiteninstrumenten in Russland die Nr.1 und sollte es lange Zeit bleiben.

Mit ihrem Guslispiel verzauberten berühmte Spieler und Sänger ihre Zuhörer.

Legendäre Spieler waren: Sadko,  Bojan,  Dobrynja Nikititsch.

 

Der Guslispieler Sadko aus Nowgorod

Mit keiner anderen Stadt ist das Guslispiel so sehr verbunden wie mit Nowgorod. 

Denn hier in Nowgorod lebte der legendäre Guslispieler und Kaufmann Sadko.

Eine bekannte Byline berichtet, wie er mit seinem Spiel alle, die im  Reich des Meerkönigs lebten, betörte. Der Komponist Nikolai Rimski-Korsakow setzte dem Guslispieler Sadko in seiner Oper "Sadko" ein Denkmal und machte ihn auch außerhalb Russlands bekannt.

Die Gusli gab es auf dem Markt in Nowgorod in vielen Formen. Die Sadko-Byline macht leider keine Angabe darüber, wie das Instrument des Sadko aussah und wie viele Saiten es hatte. Buchillustratoren der Sadko-Byline zeigen jeweils ein anderes Instrument.

Bylinen sind Dichtungen, die Märchenhaftes mit Historischem vermischen. Die Gestalt des Sadko ist historisch bezeugt und bezieht sich auf einen Sadko, einen reichen Kaufmann, der im 12.Jahrhundert in Nowgorod lebte.

 

Der Sänger und Guslispieler Bojan

Ein weiterer legendärer Guslispieler ist der Sänger Bojan, von dem das "Igorlied" berichtet, eine Dichtung aus dem 12. Jahrhundert.  Bojan hat im 11.Jhd. gelebt und besang den militärisch Ruhm dreier russischer Fürsten siner Zeit: Jaroslaw des Weisen, Mstislaw, der den Tscherkessenhelden Rededa bezwang, und Roman Swjatoslawitsch. Bojan gilt als der Begründer des gesungenen russischen Heldenepos. Im Igorlied heißt es:  "Er schlug mit kundigen Fingern die tönenden Saiten."

 

Der Drachentöter Dobrynja

Der dritte legendäre Guslispieler ist Dobrynja Nikititsch, von dem zahlreiche Sagen berichten. Er lebte am Hofe des russischen Herrschers Wladimir des Heiligen, der von 980 bis 1015 Fürst von Kiew war.



Als Russland von den  Mongolen und Tataren beherrscht wurde (seit 1223), scheint der Gebrauch der Gusli zurückgedrängt worden zu sein zugunsten der  Langhalslaute Tanbur/Dombra, die unter dem Namen Balalaika  bei diesen Völkern ein häufig gespieltes Instrument war.

 

Auf dem Bild oben (Quelle:wikipedia) ist zu sehen eine  Schlemovidnye Gusli ("helmförmige  Gusli "). Der Helm hat die Form eines Kokoschnik, der traditionellen Kopfbedeckung der Frauen. Die abgebildete Gusli zeigt eine Dreiecksform mit gerundeten Seiten. Eine solche Gusli sollte  der  Balalaika  später  ihre  Gestalt (und ihren Klang) geben.

In russischen Bildillustrationen zum Bylinentext wird meist  diese helmförmige Gusli als Instrument des Sadko gezeigt.

Die Schlemovidnye gusli hat zwar einen annähernd halbkreisförmigen Korpus, das Saitenfeldes aber zeigt die bekannte Grundform des symmetrischen Dreiecks bzw. des symmetrischen Trapezes.

(siehe nachfolgende Skizze)



Schlemovidnye gusli (Helmförmige Gusli)
Persische Tanbur ( kasachisch: Dombra ) = die "Ur-Mutter" der russischen Balalaika. Die Tanbur wurde in Kürbis- oder Holzbauart in verschiedener Formgebung weiterentwickelt.

Welches Instrument ist das ältere:  Balalaika oder Gusli ?

 

Ist die dreieckige Gusli älter - oder die ovale Balalaika? Die ovale Balalaika hieß bis zum 12. Jhd. "Tanbur" oder - davon abgeleitet - "Dombra".

Siehe Bild oben: persische Tanbur.

Es scheint so, als ob die Balalaika älter ist als die Gusli, also: die Langhalslaute (Balalaika) älter ist als die Kastenzither (Gusli). Jedenfalls ist die Langhalslaute schon seit mehr als 1500 Jahre v.Chr. auf Zeichnungen bezeugt (in Ägypten im Neuen Reich seit 1550 v. Chr., Höhlenzeichnung in Zentralasien).

Für die Gusli (das Psalterium, die Zither) fehlen solche alten Zeugnisse.

Jedoch gibt es Darstellungen eines ähnlichen Instruments: der Dreiecks-Harfe.

 

Psalterium und Harfe

 

Von der Harfe zur Zither ist es kein weiter Schritt: eine Rahmenharfe, auf eine Holzplatte gelegt und in dieser waagerechten Lage gespielt, wird zu einer Zither.

Also: die ganze Instrumentenkunde betr. Balalaika, Zither, Harfe ... ist unklar und bleibt spannend. 100%ige Beweise können nicht erbracht werden. Es ist alles eine Frage der Deutung und Zuordnung und der Spekulation.

Eines ist sicher:

Die europäische Bauform der Kastenzither (Scheitholt, Psalterium) war im Mittelalter in allen europäischen Ländern verbreitet.

( Vergleiche dazu das Buch von Hans Kennedy "Die Zither in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft")

 

Gusli  und  Balalaika  in  Russland

 

Beide Instrumente, Balalaika und Gusli, waren in Russland populär  -  jedes dieser beiden Instrumente hatte seine Zeit.

Wegen mangelnder Quellen gibt es nur eine ungefähre Orientierung. 

Zu berücksichtigen ist auch, daß beide Instrumente nicht nur zu verschiedenen Zeiten dominierten, sondern dass ihre Verbreitung auch regional unterschiedlich war.

 

10. Jahrhundert:  Die Balalaika in Russland

 

Eine schriftliche Quelle aus dem 10. Jahrhundert berichtet über die Popularität

der Balalaika in Russland. Verfasser ist der Sekretär des Kalifs von Bagdad.

Er verzeichnet in seinen Notizen, dass in der Begräbniszeremonie  bei  den „Russen“ neben Nahrungsmitteln auch eine „Tanbur“ mit ins Grab gelegt wurde.

 "Tanbur" oder "Dombra" war der alte Name für "Balalaika".

(Quelle:  Das russische Musikquartetts "Exprompt". Die Mitglieder sind Absolventen des Konservatoriums in Petrosavodsk und informieren auf ihrer Website über russische Musikinstrumente: http://www.exprompt.ru)



11. - 12. Jahrhundert:  Die Gusli  als russisches Nationalinstrument

In Russland war die Zither ( das Psalterium) im 12. Jahrhundert sehr beliebt und populär (unter dem Namen Gusli), so sehr, daß die Gusli die Langhalslaute, die damals in Russland noch nicht Balalaika hieß, in den Hintergrund drängte.

Legendäre Gusli-Spieler: Dobrynja Nikititsch (11. Jhd.), Bojan, Sadko.

 

19. Jahrhundert: Die Gusli als russisches Nationalinstrument

Der Klang der Gusli war den Russen vertraut und prägte ihre Gesangskultur. Die Gusli war in Russland sehr verbreitet, sie galt als  das russische Volksinstrument.  Russischer Liedgesang und Gusli-Klang gehörten zusammen.

In der Ausgabe 1877 von "Nikolai Rimsky-Korsakov, 100 russische Volkslieder" schreibt der Übersetzer als Anmerkung zu Lied Nr. 26 :

 

     "Die Gusli  (pl.) sind das verbreitetste russische

      Nationalinstrument,

      das in vielen verschiedenen Formen vorkommt,

      ungefähr unserer Zither oder Laute vergleichbar."

 

Eine Balalaika wird in den Fußnoten des Übersetzers nirgendwo erwähnt.

 

Am Ende des 19. Jhds. veröffentlichte die russische Künstlerin Елизавета Меркурьевна Бём (1843-1914) ein illustriertes Alphabet für Kinder.

Der Buchstabe "G" zeigt eine Gusli, von einem Kind gespielt.

Auf den Bildern zum Buchstaben "B" wird eine Balalaika  n i c h t  dargestellt, sondern eine Bulawa: den Zepter-Stab des russischen Zaren.

 

19. - 20. Jahrhundert:  Die Balalaika verdrängt die Gusli

Seit dem Jahr 1883, als Wassili Andrejew die Balalaika veränderte und im großen Stil bekannt machte, begann die Balalaika wieder an Popularität zu gewinnen.

Andrejew hatte eine wichtige Entwicklung der Balalaika eingeleitet: er orientierte den Korpus der Balalaika an der Form der Gusli: die dreieckige Gusli prägte die Form der Balalaika. Balalaika und Gusli wurden sozusagen eins.

 

Gusli "Perepjolotschka" ( Перепёлочка )

 

BALALAIKA   UND   GUSLI

 

Das Verdienst von Andrejew besteht darin, daß er der Balalaika zu größerer Klangfülle und damit auch zu größerem Ansehen verhalf. Es scheint, dass er

- gewollt oder ungewollt - den von ihm geschaffenen Balalaika-Typus an der

GUSLI orientierte. Nicht nur der Korpus der Balalaika in seiner Dreiecksform, sondern die Balalaika insgesamt weist eine Proportion auf, die an der Gusli Maß genommen hat.

Die Gusli ist ein Instrument, das eine lange und große Tradition russischer Musikinstrumentenkultur verkörpert.

Die funktionale Grundform der Gusli ist das Dreieck bzw. das Trapez.

In der Balalaika erhielt die Gusli sozusagen eine neue Gestalt und die Balalaika wurde im Klang der Gusli ähnlich.

 

Mensur der Balalaika  =  Korpusbreite der Balalaika

Die nebenstehende  Skizze einer Andrejew-Balalaika verdeutlicht diese Gusli-Regel.

Anfangs war die Balalaika sehr schmal. Andrejew vergrößerte das Breitenmaß schrittweise immer mehr, bis die Korpusbreite das Mensurmaß erreichte.

Von dieser Gusli-Proportion gibt es  in der Praxis natürlich immer auch Abweichungen. Die Gleichung "Balalaika-Breite = Mensur" ist ein Orientierungsmaß.

Die Gleichung "Balalaika-Breite = Mensur" ist ein Orientierungsmaß.

Balalaikabauer bauen ihr Instrument oft nach eigenen Gesetzen, um individuelle Klangvorstellungen im Bau des Instruments umzusetzen.

 

Skizze: Die "Gusli-Proportion" der Balalaika:  Korpusbreite  =  Mensur. Hier wurde als Mensur die historische Andrejew-Mensur von 48,89 cm gewählt, aufgerundet auf 44 cm.

Beispiel: Eine Balalaika mit der Mensur von 43 cm ( ca. 17 Zoll ) hat meist eine Korpusbreite von ebenfalls  43 cm (+/-). Die Mehrzahl der heute gebauten Balalaiken wenden diese "Gusli-Regel" an. Auch M. Kupfer, dessen Balalaiken Maßstäbe setzten, tendierte in diese Richtung: er bevorzugte die flache Bauart der Balalaika und verbreiterte ihren Korpus.

 

Einen bautechnisch begründeten vernünftigen Grund, die Gusli-Regel auf die Balalaika anzuwenden, gibt es nicht - und dennoch wird sie seit Andrejew verwendet: Zufall, Intuition oder Absicht?

Vielleicht ist dieses Gusli-Maß Zufall, aber mir scheint, daß diese Proportion von Andrejew beabsichtigt ist. Die Gusli, die Andrejew gut kannte, war mit ihrem dreieckigen Korpus vom Klangbild her das "Maß aller Dinge". Ihr Dreieckskorpus setzte Klangmaßstäbe auch für andere Instrumente. Was lag näher, als dieses

Maß auf die Balalaika zu übertragen?

Wenn die Balalaika durch ihre Bauart in der Sprache und im Tonfall der Gusli "redete", an ihren Klang erinnerte, waren ihr die Herzen und Ohren der gusli-gewöhnten Zuhörer geöffnet.

Exkurs 1:

Die  4  verschiedenen  Spielpositionen  der  Gusli

Brustschild  - Laptop  -  Bauchladen  -  Tischplatte

 

Die Gusli ist eine Zither. Bei dieser gibt es hauptsächlich vier  verschiedene Spielhaltungen:

 

1. Sie steht fast senkrecht auf den Knien des Spielers, gegen seine Brust

    gelehnt.  Dies ist auch die Spielhaltung der Balalaika.

 

2. Sie liegt waagerecht auf den Knien des sitzenden Spielers ("Laptop"-Position)

 

3. Sie hängt am Gurt waagerecht vor der Brust des stehenden Spielers:

    "Bauchladen"- Haltung.  Diese Spielart ist besonders  bei den Wolga-Finnen

     ("Tscheremissen" verbreitet: in der Russischen Republik Mari-El.  

     zwischen  Moskau und dem Ural ( Föderationskreis WOLGA, Verwaltungssitz

     Nishnij Nowgorod).

     Siehe: http://www.samoffar.ru/mari_goose.shtml

 

4. Sie liegt waagerecht auf dem Tisch vor dem Spieler

 

Am häufigsten wird die Gusli auf die erstgenannte Art gespielt, und zwar so, daß die lange Breite des Instruments auf den Knien des Spielers aufruht, und die kurze Breite ( mit den hohen Tönen ) gegen die Brust des Spielers gelehnt ist.

 

Seltener ist die Spielhaltung 2 anzutreffen.

 

Beim Dreiecks-Psalterium ruht die  lange  G r u n d s e i t e  des Dreiecks auf dem Schoß des sitzenden Spielers, die (gekappte) Spitze ist gegen seine Brust gelehnt.

 

Die Spielposition der Balalaika

 

Bei der Balalaika ist es umgekehrt: Hier ruht die  S p i t z e  des Dreiecks  auf dem Schoß des Spielers, zwischen den Beinen -  die Seite des Dreiecks zeigt in Richtung der Brust des Spielers. Diese dem Psalterium gegenüber veränderte Spielhaltung der Balalaika ist durch den Hals der Balalaika bedingt.

Die Spielhaltung der Balalaika ist  -  da sie einen Hals besitzt -  gegenüber der Spielhaltung des Psalteriums um 60 Grad verdreht.



Die Gusli mit ihrem "Glockenklang" war das Lieblingsinstrument der Russen. Die russischen Ohren waren an den Klang der Gusli gewöhnt. Wenn die russischen Heldengesänge, die Byliny,  und die Volkslieder gesungen wurden, dann

sie mit dem Spiel auf der Gusli begleitet.

Die Gusli war nicht einfach zu spielen, sie besaß nicht wie die Balalaika zwei, sondern eine Vielzahl von Saiten: die einfachste Gusli, die nordrussische Kantele, hatte 5 Saiten, größere Ausführungen der Gusli besaßen bis zu 11, 12 und noch mehr, je nach Region und nach Vorliebe bzw. Talent des Spielers.

 

Es gab Zeiten großer Gusli-Begeisterung, und es gab Zeiten, da das Guslispiel verstummte. Die Gusli geriet  mehr und mehr in Vergessenheit.

 

Der Formwandel der  Balalaika

 

Und nun geschah etwas Unerwartetes. In der vergrößerten Korpusform der Balalaika wurde die Gusli wieder sichtbar und hörbar, und zwar in einer ihrer altbekannten Formen: in der Form der  Schlemovidnye  Gusli.

Der kleine Dreiecks-Korpus der alten Balalaika war nicht nur  einfach maßstabsgetreu vergrößert worden, sondern die Flanken des Dreiecks wurden gerundet: nach dem Vorbild der Schlemovidnye  Gusli.

Auch der Klang dieser Balalaika erinnerte sehr an den Klang der vertrauten Gusli.

 

Die Balalaika hatte der Gusli gegenüber einen Vorteil: Bei der Balalaika brauchten nicht so viele Saiten besorgt, aufgezogen und gestimmt werden wie bei der Gusli.

Die Balalaika besaß nur 2 oder 3 Saiten ( die 3-saitige ist seit 1842 bezeugt. Siehe 4.2. Reiseberichte ). Und trotz der zwei oder drei Saiten hatte die Balalaika  den gleichen Tonumfang wie eine 12 saitige Gusli.

 

Exkurs 2:

Balalaika   -   Tympanon   -   Pastuschij Baraban

 

Andrejew vergrößerte nicht nur den Baklalaikakorpus, sondern entfaltete das vorher spitzwinklige Dreieck  zu einem fast  gleichseitigen Dreieck.

Spätere Balalaikabauer haben diese Dreiecksfläche künstlerisch ausgestaltet:

Das Schallloch wurde in die Intarsie einer russischen Bauernhütte integriert,

Die Decke wurde durch Ornamente verziert, die Decke wurde bemalt mit

Motiven der russsischen Volkskunst.

Ein solches szenisch-dekorativ gestaltetes Dreiecksfeld begegnet auch in der Architektur.

In der Baukunst ist es bekannt als Tympanon.

Es begegnet vielfach über den Eingangsportalen gotischer Kathedralen.

Das Wort tympanon ist griechisch und verweist auf die Welt der Musik. Tympanon bedeutet Trommel. Dreieckige Psalterien wurden im Mittelalter nicht nur als Zupfinstrumente benutzt, sondern die Saiten wurden mit Hölzern geschlagen:

die Psalterien wurden zu "Hackbrettern" bzw. Trommeln. Die Schlaghölzer wurden

wie Trommelschlägel benutzt. Statt auf ein Trommelfell schlugen sie auf das Saitenfeld des Psalteriums.

Das Psalterium wurde zur "Trommel", zum dreieckien "Tympanon".

 

Tympanon = Trommel

Sehr allgemein betrachtet, stellt der mit Holz gedeckte Balalaikakorpus, bevcor er mit Saiten bespannt wird,  einen Trommelkörper dar.

Trommeln sind älter als Saiteninstrumente. Bevor über die Öffnung eines Troges Saiten gespannt wurden ("Trogzither"), diente längst ein solcher Trog (offen oder mit Fell bespannt) oftmals als Trommel.

Trommeln sind nicht immer nur rund und zylinderförmig, sondern können jede Form haben.  Denken wir nur an die heute sehr verbreitete aus Peru stammende  Kajon, die aus einer quaderförmigen Holzkiste besteht ("Kastentrommel", "Sitztrommel").

Wie oben dargelegt, wurde auch das dreieckige Psalterium als Trommel benutzt:

man trommelte zwar nicht auf das Holz, sondern trommelte (=schlug) mit einem Hammer auf das Saitenfeld.

Bisweilen setzen auch Balalaikaspieler ihr Instrument als Trommel ein, indem sie, um besondere Rhythmuseffekte während des Spiels zu erzielen, mit den Fingerknöcheln oder -kuppen auf die Decke des Instruments klopfen.

Aber für diese Kollateralverwendung ist die Balalaika eigentlich nicht gebaut.

 

Die Brett-Trommel "Pastuschij baraban"

Zum Trommeln verwendete man den  "Pastuschij baraban", ein Schlagbrett mit trapezförmiger Fläche, ähnlich einer Gusli. Der Pastuschij baraban besteht aus Ahorn- oder Birkenholz.

Wie der architektonische Tympanon ist  der Pastuschij baraban häufig dekorativ künstlerisch gestaltet . Obwohl das Instrument nur  aus einem einfachen Brett besteht und keinen hohlen Resonanzraum besitzt, hat es doch häufig mehrere Schalllöcher. Hier wurde an Gusli- und Balalaikaformen angeknüpft.

Beim Spielen wird der Gurt der Hirtentrommel um den Hals geführt, das Schlagbrett hängt vor dem Bauch und wird  mit 2 Stäben geschlagen.

Weitere Infos: 3.1.