GESCHICHTLICHE  GESAMTSCHAU: 

         EINE  KURZE  HISTORIE  DER  BALALAIKA

Balalaika in Schaufel/Paddelform. Demo-Modell. Historischer Rekonstruktionsversuch.

 

Von der persischen Tanbur

(Achämenidisches Weltreich 550 - 330 v.Chr.)

zur russischen Andrejew-Balalaika (seit 1884).

 

Die   Geschichte  der  russischen  Balalaika/Tanbur  ist  so alt  wie die  Geschichte Russlands. Im Jahr 862 wurde in Nowgorod das erste russische Reich gegründet, das später (nach seiner 2. Hauptstadt Kiew) "Kiewer Rus" genannt wurde.

Die Stadt Nowgorod (genannt: "Gospodin Nowgorod Weliki"), bedeutender Handelsplatz, und eine alte Zeugin russischer ( ostslawischer ) Musikkultur, beging im Jahr 2009 die 1150-Jahrfeier  ihrer ersten urkundlichen Erwähnung 859.

 

Die Geschichte Russlands umfaßt  also einen Zeitraum von über 1100 Jahren.

Die Geschichte der Balalaika (Tanbur) ist noch älter.

Der russische Historiker Karamsin (1766 -1826) zitiert eine schriftliche Quelle, die von einem Ereignis aus dem Jahre 590 n.Chr. berichtet: von Byzantinern gefangen genommene ostslawische Gesandte tragen Musikinstrumente ihrer Heimat bei sich. Diese werden  als frühe Balalaikaformen gedeutet. (so: P. von Goetze, Stimmen des russischen Volkes)

Seit dem 8. Jahrhundert n. Chr. unterhielten die Waräger Handelsverbindungen zwischen der Ostsee (Baltisches Meer) im Norden  und den beiden südlichen Meeren  Schwarzes Meer und Kaspisches Meer. Diese Verbindungen führten mitten durch das Gebiet der Ostslawen, dem Gebiet des späteren russischen Reiches.

Diese Handelsrouten waren Flüsse, aber auch Landwege, über die Schiffe von Fluss zu Fluss gezogen wurden.

Siehe Karte im Kapitel  1.4.4. Historie der Balalaika

Viele ostslawische (russische) Städte verdanken ihre Existenz diesen Handelsstraßen, denn sie sind aus Kaufmannsansiedlungen hervorgegangen.

 

Gardarike. Das Reich der Städte

Das Gesamtgebiet der slawischen Burgstädte wurde von den Warägern Gardarike genannt (gard = gorod = Stadt; rike= das Reich), das "Reich der Städte".

 

Russisches Siedlungsgebiet (Waräger und Slawen)

bis zum 13. Jhd. (Mongolen-Invasion) ohne  Musikinstrumente ?

In manchen Darstellungen wird dies behauptet. Allerdings ohne Beweise zu liefern.

Auch wenn schriftliche Quellen und archäologische Funde aus dieser Zeit rar sind oder gänzlich fehlen:

In diesen Städten wurde gewiß auch musiziert. Zu dem großen Warenangebot, das es in den Kaufmannssiedlungen gab, gehörten gewiß auch Musikinstrumente. Seit dem 6.Jhd. werden die Ostslawen als ein musikliebendes, musikmachendes und Musikinstrumente besitzendes Volk geschildert.

Nicht erst die Turkvölker und Reiternomaden aus der Pontisch-Kaspischen Steppe (Steppengebiet nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meeres) oder die Mongolen im 13.Jhd. brachten Musikinstrumente nach Russland. Deren Interesse lag nicht in der Ausdehnung ihrer Märkte und im Bringen von Handelsgütern, sondern in der kriegerischen Eroberung und im Plündern und Rauben von Kulturgütern.

 

Waräger und Ostslawen waren eng miteinander verbunden, handelsmäßig, politisch und kulturell. Anfangs unter warägischer Dominanz, dann unter slawischer Vorherrschaft. Diese Entwicklung ist durch die Namensforschung (zunehmende Slawisierung von Personen- und Ortsnamen) gut belegt.

 

Schwarzes Meer bedeutete Anbindung (verkehrstechnisch und kulturell) an das Byzantinische Reich (Griechen), Kaspisches Meer bedeutete Verbindung zu Persien.

Heute hat Russland (" Russische Föderation") seine Grenze bis an diese beiden Meere vorgeschoben. Es ist das einzige Land, das sowohl an das Schwarze Meer als auch an das Kaspische Meer grenzt.

Die Balalaika ist vom Instrumententyp her eine Langhalslaute. Bei den Griechen waren Langhalslauten nicht verbreitet (dort liebte man Lyren und Harfen). Bei den Persern dagegen  zählten Langhalslauten  zu den wichtigsten Saiteninstrumenten: bis heute. Als Alexander der Große 331 v.Chr. das persische Weltreich eroberte und in der Epoche des Hellenismus eine griechisch-persische Kulturverschmelzung einleitete, wurden auch im griechischen Kernland Lauteninstrumente populär.

Die heutige griechische Bouzouki legt von dieser Entwicklung Zeugnis ab.

Die Bouzouki  ist vom Instrumententyp her eine Langhals-Laute. Ebenso die russische Balalaika.

 

Die russische Langhalslaute Balalaika ist (wie die griechische Bouzouki) eine Weiterentwicklung der in Persien verbreiteten Langhalslaute  Tanbur, die bereits im 1. persischen Großreich (550-330 v.Chr.), dem "Achämeniden-Reich" bekannt und in Gebrauch war. Jedoch hatte diese Laute  noch  nicht  die  für die heutige  Balalaika  typische  dreieckige Form.

Die im alten russischen Reich ("Kiewer Rus") verbreitete Tanbur-Balalaika konnte sowohl aus einem Kürbis gefertigt als auch aus einem Stück Holz geschnitzt sein. Die Form des Ausgangsmaterials bestimmte die Form des Instruments.

Die Kürbis-Tanbur ("Kürbis-Balalaika") konnte je nach Art des Kürbis rund bis oval sein. Auch die Schnittrichtung (quer- oder längs geschnitten) spielte eine Rolle.

Bei den aus einem massiven Holzstück herausgeschnitzten Tanburen bestimmte der Stamm- oder Astdurchmesser die Breite der Tanbur.

Lauten (Tanburen) dieser Art (mit schmalem und kleinem Korpus) sind schon in der Zeit vor dem persischen Achämenidenreich bezeugt: In der persischen Stadt Susa wurden Tonfiguren aus vorpersischer Zeit gefunden, von denen eine einen Tanburspieler zeigt. Datierung der Figuren: 2. Jahrtausend v.Chr. (Siehe wikipedia "Iranische Musik")

Musikanten. Susa. Persien (2. Jahrtausend v. Chr.) Linke Figur: Tanburspieler

Bildnachweis: http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AIran_bastan_-_12.jpg

 

Das persische Achämenidenreich erstreckte sich nach Norden bis zur Donau und um das südliche Schwarze Meer herum.

Das Schwarze Meer, bei den Griechen pontos axeinos genannt, trägt einen persischen Namen. Das alt-persische Wort "axaina" bedeutet "schwarz". ("Schwarz" war die Bezeichnung für den Norden, die Himmelsrichtung, aus der keine Sonne scheint. Für Persien war das Schwarze Meer das "Nordmeer", es liegt nördlicher als das Kaspische Meer)

(Zu Persien und das Schwarze Meer, siehe:: Hermann Sauter, www.kimmerier.de)

 

Das südlichste Herrschaftsgebiet Persiens war Ägypten. Der persische Herrscher war zugleich ägyptischer Pharao. In Ägypten sind  Langhalslauten bereits vor 1500 v.Chr. bezeugt. (Siehe Bild "Ägyptische Grabmalerei" 1422-1411 v. Chr.: 1.2 Historie der Balalaika.)  Die persische Kultur übernahm diese Instrumente und tradierte sie. Noch früher als in Ägypten sind Langhalslautenformen in Mesopotamien (1800 v.Chr.), bei den Babyloniern, den Assyrern und noch früher bei den Sumerern nachweisbar.

Persien nahm sie in sein eigenes Instrumentarium auf.  Aus diesen Einflüssen zusammengenommen entstand die  persische  Tanbur, die bis in unsere heutige Zeit hineinwirkt und in vielen Ländern Asiens in fast unveränderter alter historischer Form anzutreffen ist.

Im spätantiken persischen Sassanidenreich ("Neupersisches Reich") (224 -651 n.Chr.), das sich nach Norden bis zum Kaukasus und bis zum Aralsee ausdehnte, und Handelsverbindungen bis zur Ostsee unterhielt, war die Tanbur eines der meistgespielten Instrumente. Auch die  Kurzhalslaute, der Barbat, wurde im neupersischen Reich gespielt. Einige meinen sogar, sie wurde dort (vom Musiker Barbat) erfunden.

Der Barbat ist vom Instrumententyp her eine Rebec, eine Geige, die in Russland "Gudok" genannt wurde und dort zu den beliebtesten Volksinstrumenten bis heute gehört.

Das  bekannte Ensemble "Rusichi" (Ensemble für alte russische Musik), setzt den Gudok sehr häufig ein (und weniger die Balalaika). "Rusichi" ("Русичи" oder auch "русици" : das Wort wird auf der 1.Silbe betont) ist ein alter poetischer Name für die Bewohner des alten Russland (Rus´) Das Ensemble "Rusichi" besteht aus 3 Musikern, die historische russische und karelische Musikinstrumente selber bauen und spielen.

(Auf Youtube eingeben: Русичи, два сокола 2013)

https://www.youtube.com/watch?v=2UuVGlPwUVY

Aserbaidschanische Tanbur

Die Tanbur (ich wage die anachronistische Bezeichnung "persische Balalaika": also das Instrument, das später in Russland "Balalaika" genannt wurde) hat sich sehr früh von Persien aus, dem ersten Weltreich der Geschichte, über ganz Asien ausgebreitet; in vielen Regionen und Kulturen hat sie Eingang gefunden. Auch heute noch wird sie in vielen Ländern gespielt. Ihre Darstellung auf den Briefmarken dieser Länder zeigt, wie populär und landestypisch dieses Instrument dort heute  ist.

Kasachische Tanbur ( Dombra )

Die nebenstehend angebildeten Bilder zeigen zwei Beispiele: eine Tanbur aus Aserbaidschan auf einer Briefmarke  und eine Tanbur aus Kasachstan.

In Aserbeidschan trägt das Instrument seinen alten persischen Namen "Tanbur".

In Kasachstan heißt heißt sie Tanbur  "Dombyra". Man beachte den Unterschied: die aserbaidschanische Tanbur hat die alte Form: Hals ohne Wirbelbrett. Die kasachische Donbra besitzt ein (wenn auch sehr schmales) Wirbelbrett.

(Bildnachweis für beide Bilder:

wikimedia commons "Tanbur", "Dombra")

 

Die Vielfalt historischer Balalaika-Formen

Zuerst aus einem Kürbis gefertigt, wurde die persische Tanbur später auch aus Holz gebaut. Während die Kürbisbauweise auf die Wuchsform des Kürbisses festgelegt war, ermöglichte die Holzbauweise  den Bau in jeder möglichen Form. Vielfach aber wurde aus alter Tradition die Kürbisform nachgebaut. In Persien (im heutigen Iran) geschieht das bis heute (runde Kürbisform).  Aber in anderen Regionen erhielt die Tanbur die verschiedensten Ausformungen:

runde Form, ovale Form (lat. ovum = Ei) , abgeschnittenes Ei,  Paddelform, rechteckige Holzscheit-Form, taillierte Form , ...

Die taillierte Form ist im Kaukasus in Georgien anzutreffen. Dort heißt die Tanbur Tschonguri.  Die kasachische Tanbur, die Dombra, untrerscheidet sich wieder von der türkischen Tanbur, der Baglama. Letztere besitzt eine sehr tief eingewölbte Korpusschale, die an das Becken einer Kesselpauke erinnert.

 

Von  der  "Dutar-Balalaika"  zur  "Setar-Balalaika"

Bei den Tanbur-Instrumenten gibt es nicht nur unterschiedliche Korpusform, auch die Anzahl der Saiten variiert. 

Die einfachste Tanbur, die Dutar, hat 2 Saiten ( persisch "du" = 2 ), die  3-Saiten-Tanbur heißt Setar ( persisch "se" = drei). 

Die russische Balalaika folgte hier ihrem persischen Vorbild nach: anfangs besaß die Balalaika, wie die Tanbur, 2 Saiten, dann wurde sie zu dem uns heute bekannten 3-saitigen Instrument.

Jakob von Stählin berichtet 1770, dass ein blinder ukrainischer "Pandurist" (wohl: Tanbur-Spieler) der erste war, der das zweisaitige Instrument mit einer dritten Saite versah.  (siehe: Kapitel 5)

 

Balalaika  und  Holzsarg:  keine lange Lebensdauer unter der Erde

Archäologische Funde intakter Tanburen, Dombren oder Balalaikan sind nicht vorhanden. Das ist verständlich, wenn man bedenkt, daß Musikinstrumente aus Kürbis oder Holz, und nicht aus beständigerem Material wie Keramik, Stein oder Metall hergestellt wurden.

Als  Grabbeigaben  erleiden Holz- oder Kürbisinstrumente das gleiche Schicksal wie Holzsärge: nach wenigen Jahren sind sie verrottet.

 

Wie oben bereits erwähnt, hat die persische Tanbur nicht nur in Ländern Zentralasiens, sondern auch in Nord-und Osteuropa Eingang gefunden, auch in den slawischen Siedlungsgebieten. Dies geschah durch Handelswege.

 

Das ostslavische Stammesgebiet, aus dem später Russland hervorgehen sollte, lag zwischen dem Baltischen Meer (Ostsee) und dem Kaspischen Meer (dem persischen Meer), zuerst im Norden in kleiner regionaler Begrenzung, dann in immer weiterer Ausdehnung die Wolga abwärts.

Im Norden, in Finnland und Karelien, war mehr das vielsaitige Kasten-Psalterium, die Kantele (Gusli), verbreitet, im Süden dagegen die aus Persien stammende zweisaitige HalsLaute Tanbur-. Beide Instrumente, Psalterium und Laute, existierten in Russland und auch in der Ukraine nebeneinander - bis heute.  Psalterium und Laute beeinflussten sich aber auch gegenseitig und brachten zwei neue Instrumente hervor:

die ukrainische  Bandura  und  russische  Balalaika.  Bei beiden verlief die Entwicklung in entgegengesetzter Richtung:

 

Die Bandura ist ein Psalterium mit der Korpusform der Hals-Laute,

die Balalaika ist eine Hals-Laute mit der Korpusform des Psalteriums.

 

Балалайка сочетает признаки лютни и цитры

Бандура  сочетает признаки цитры и лютни 

 

Persische Tanbur. Historischer Lautentyp (früher mit Kürbis-Korpus). Hier: neuzeitliche Holz-Bauart (20. Jhd.) Eine Urform der Balalaika. Kürbisform-Balalaiken gab es bis ins 19. Jhd.
Balalaika, 6-saitig = 3-saitig doppelchörig = ( e´ e´ --- e´ e´ --- a´ a´ ) Instrumentenfabrik in Tschernigow, Ukraine. Tschernigow war seit 1024 Teilfürstentum der Kiewer Rus.

Ein langer Weg : 

Von der persischen Tanbur  zur russischen Balalaika

Es sei daran erinnert, daß die  Wolga  Russland mit Persien verbindet. Es gab im 9. Jhd. nicht nur den berühmten "Weg von den Warägern zu den Griechen", von dem die Nestorchronik berichtet, sondern auch einen Weg zu den Persern. Russland war sowohl mit den Griechen als auch mit den Persern verbunden. Persische und griechische Kultur waren jedoch nicht voneinander isolierte Welten: durch Alexander dem Großen, also bereits seit 331 v. Chr., sind beide Kulturen miteinander verbunden worden, ja sogar "verheiratet" worden (sog. "Massenhochzeit zu Susa"). Auch auf dem Gebiet der Musik fand ein Austausch statt. Die persische Halslaute "Tanbur" jedoch wurde in Griechenland nie heimisch. Es gibt kaum Abbildungen von Lauten in der griechischen Kunst. Bei den Griechen griff man lieber zur Lyra und zur Harfe.

 

Anders in Russland. Dort fand die Tanbur begeisternde Aufnahme, ebenso wie die beiden anderen aus Persien stammenden Instrumente Barbat  (Kurzhalsgeige, die in Russsland  Gudok  genannt wurde) und das Psalterium , eine dreieckige Zither, die in  Russland  Gusli  genannt wurde.

 

Die persische Tanbur hat  im Laufe ihrer Geschichte und auf ihrer Wanderung durch die Völker Asiens und Osteuropas  viele Veränderungen erfahren: verändert hat sich ihr Name. In Russland wurde sie  "Balalaika" genannt " wahrscheinlich ab dem 13. Jhd., zur Zeit der Zeit der Tatarenherrschaft.  Verändert hat sich ihre Herstellungsart (aus Kürbis, aus Holz geschnitzt), verändert hat sich ihre Form (kalebassenförmig, oval, rund, rechteckig,  trogförmig, paddelförmig, schaufelförmig, (....) .

In Russland nahm sie mehr und mehr eine  dreieckige Form an  und wurde dem Psalterium ähnlich.

 

Glasnostj  und  Perestroika  im Balalaikabau

 

Die  russische  Version (bzw. Weiterentwicklung)  der  Tanbur,  die  schmal-dreieckige  aus  Holzteilen gezimmerte Balalaika, wurde, beginnend mit dem Jahr 1884, grundlegend umgestaltet.

Das Flügel-Dreieck

Der Korpus dieser Langhals-Balalaika, der die schmal-dreieckige Form der nordrussischen Kantele  (Gusli krylovidnyje)  besaß,  "entfaltete" sich, und bekam  mehr und mehr  die Form eines großen, fast gleichseitigen Dreiecks.

Die Seiten dieses Dreiecks wurden  b o g i g  gestaltet, genauer:  sie erhielten eine  konvexe Wölbung nach  a u ß e n.

Das Helm-Dreieck

Dieses Merkmal der bogigen Seiten und die Gesamtproportion des so veränderten Korpus  orientierten sich an der  Gusli schlemovidnye (Russisches Psalterium mit halbrundem Korpus und dreieckigem Saitenfeld mit parallel laufenden Saiten quer zum Korpus).

Das Schweinekopf-Dreieck

Es gibt auch einige wenige Balalaiken, deren Dreiecksform sich an der sog. "Russischen Cythara", dem Schweinskopf-Psalterium, orientiert. Bei diesem sind die beiden Dreiecksflanken konkav eingezogen, also nach innen gewölbt.

(siehe Bildleiste links)

Der Klangcharakter der Balalaika wurde durch die Umgestaltung (perestroika)  in Richtung auf die  Gusli schlemovidnye  dem Psalterium ähnlicher und bekam das "dulce  melos" der Gusli, von dem das russische Ohr seit jeher fasziniert war. 

 

Glasnost bedeutet in diesem Zusammenhang  das Sichtbarmachen (genauer:  Hörbarmachen) der Psalteriums"seele" der Balalaika.

 

Die  "Gusli-Seele"  der Balalaika, die in ihr, seit sie ihre Dreiecksform bekam, mitklang, wurde durch die Proportionsveränderung  ab dem Jahr 1884  zum stärkeren Durchscheinen ("Glasnostj") und hellerem Aufstrahlen gebracht.

 

Perestroika  =  Die Umgestaltung der Instrumentenform

 

Die "Perestroika" ("Umgestaltung") des Instruments wurde betrieben durch  den  jungen russischen  Musiker  Wassili  Andrejew  aus dem Gouvernement Twer.  Er schuf die heutige Form der Balalaika: die  "Andrejew-Balalaika".

Andere Balalaikabauer führten seinen Weg der Entwicklung der Balalaika fort.

 

 

Die  "Andrejew-Balalaika"

Hauptgegenstand  der  nachfolgenden  Beschreibung  ist  die  Balalaika  in  ihrer 

h e u t i g e n  Bauart und Form, also die "Andrejew-Balalaika" (Baugröße: Prim).

 

Ihre  Charakteristika:

 

Bauart :         Korpus aus separaten Holzteilen zusammengesetzt. 

Korpusform : Dreieck (= geometrische Definition).

                      Schalltrichter, Glockenkörper (= Definition als Akustikraum)

Korpusart:     Lautenkorpus. Hybride Form zwischen Schale und Kasten,

                      (von Modell zu Modell mit anderer Tendenz)

                     

 

Das Korpus-Dreieck: Die  s c h m a l e  Dreiecksform der Instrumentendecke, die noch viele historische Balalaiken bis ins  19. Jhd. aufweisen, hat Wassili Andrejew verbreitert und vergrößert.

Das breite, fast gleichseitige Dreieck ist seit Andrejew zum wichtigsten Merkmal der Balalaika geworden.

Andrejew hat mit seinen Veränderungen die Balalaika nicht verfremdet. Im Gegenteil: er hat ihr "innerstes Wesen" freigelegt, indem er einen lange vorher begonnenen Entwicklungsweg der Balalaika konsequent zu Ende geführt hat.

Andrejew hat außer der Korpusvergrößerung viele weitere Modifizierungen und Modernisierungen (wie z.B. fest eingelassene Bünde) an der russischen Balalaika vorgenommen.

Auch sie werden hier dargestellt und erklärt.

Neben der Andrejew-Balalaika werden auch andere historisch bezeugte Balalaikaformen, auch nicht-dreieckige, dokumentiert.

 

Keine  Balalaikaschule

Sinn der Website ist nicht das Erteilen von  Lernlektionen  für das Balalaikaspiel, sondern das Betrachten ("scannen") des Instruments Balalaika, ihre Form-Analyse und ihre Einordnung in einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang. Außerdem erfolgt ein Vergleich der Balalaika mit typ- und artverwandten Instrumenten.

 

Die Balalaika  -

Ein  "vollwertiges  Instrument  der  E-Musik"  ? ?

 

Im WWW ist zu lesen, dass die Balalaika als  "vollwertiges Instrument der E-Musik"  gilt,  besonders in Russland.

Was bedeutet hier E-Musik

Immer wieder wird "E-Musik" mißverstanden als "Elektronische Musik"

Besonders Gitarrenspieler, die eine  E-Gitarre spielen, lassen sich gerne durch diese Bezeichnung  in die Irre führen. Sie glauben, wenn sie die oben genannte Aussage hören, dass in Russsland die Balalaika ein vollwertiger Ersatz für die E-Gitarre ist.

Das ist natürlich nicht der Fall. Die dreisaitige Balalaika kann eine sechssaitige Gitarre nicht ersetzen.  Umbauten der traditionellen akustischen Balalaika zur E-Balalaika gibt es, aber sie sind absolute Sonderfälle.

"Vollwertiges Instrument der E-Musik"  bedeutet auch nicht, dass die Balalaika genauso wie viele  andere Instrumente mit elektronischen Tonabnehmern versehen werden kann. Das ist eine Binsenweisheit. Der Klang eines jeden Instruments kann elektronisch verstärkt werden. Natürlich werden auch bei Bühneneinsätzen von Balalaiken Instrumentenmikrofone und andere Arten von Tonabnehmern verwendet.

 

"E-Musik" ist eine Abkürzung für den (nichtssagenden)  Begriff  "Ernste Musik"

in Abgrenzung zur U-Musik ("Unterhaltungs-Musik").

Sowohl das E wie auch das U sind jedoch Kategorien, die für die Balalaika-Musik völlig unzureichend sind.

 

Es soll wohl durch das "E" darauf hingewiesen werden, dass Balalaiken nicht nur Volksinstrumente ("Folklore-Instrumente") sind, sondern auch Orchesterinstrumente für den Einsatz in Konzertsälen und für die Wiedergabe klassischer Kompositionen.  Seit 1884 werden durch das Engagement von W. Andrejew  Balalaiken nach dem Vorbild der Streicherfamilie (Violinen, Bratsche, Violoncello, Kontrabass) in verschiedenen Größen gebaut und in Konzerten eingesetzt.

Exkurs: Dreiecks-Korpus

Psalterium  und  Balalaika :  Zwei  "Musik-Dreiecke"


Ähnlicher Korpus - verschiedene Spielhaltung


Beim Dreiecks-Psalterium ruht die  lange  G r u n d s e i t e  des Dreiecks auf dem Schoß des sitzenden Spielers, die (gekappte) Spitze ist gegen seine Brust gelehnt. 

 

Bei der Balalaika ist es umgekehrt: Hier ruht die  S p i t z e  des Dreiecks  auf dem Schoß des Spielers, genauer: zwischen den Beinen -  die Seite des Dreiecks zeigt in Richtung der Brust des Spielers.

Auch bei der Kontrabass-Balalaika ist dieses Bild gleich: das Dreieck ruht auf der Spitze.

Diese dem Psalterium gegenüber "verdrehte"  Spielhaltung der Balalaika ist dadurch bedingt, daß der Korpus der Balalaika einen Hals besitzt der nicht an der Seite, sondern an der Spitze des Dreiecks angesetzt ist.  Da der Hals - wie bei allen Zupflauten-  in der Spielhaltung fast waagerecht ausgerichtet ist, bilden die zwei  freien Spitzen des Dreiecks eine Senkrechte.

Die Spielhaltung der Balalaika ist  somit  gegenüber der Spielhaltung des Psalteriums um 60 Grad verdreht.

 

Balalaikaähnliche Instrumente mit  ovalen,  runden,  rechteckigen  oder  anders  geformtem Korpus  werden  heute  nicht  (mehr) als   Balalaika  bezeichnet.

Es handelt sich um z.B. 

 

Dutar (2-saitige Laute mit ovalem Korpus, oft unten abgeschnitten)

Dombra (Laute mit ovalem Korpus, früher oft in Schaufelform)

Domra (Laute mit halbkugelförmigem Korpus "runde Balalaika")

Mongolische  Pferdekopfgeige (gestrichene Laute inTrapezform).

 

Mit der dreieckigen  Bauart  (4.C.) begann  ein   n e u e r   W e g  der Balalaika:

die Festlegung des Instruments "Balalaika" auf ein  d r e i e c k i g e s  Instrument.

Den Zugang zu diesem Weg eröffnete  Wassili Wassiljewitsch  Andrejew

im Jahr 1883 im Dorf Marjino im damaligen Gouvernement Twer (heute Oblast Twer).

Die heutigen Balalaiken weisen  alle  die Bauart  der Andrejew-Balalaika auf.


Außerdem führte Andrejew die Balalaika weg vom primitiven  Volksinstrument 

( " Bauerninstrument " ) und holte sie hinein in den renommierten Kreis der gesellschaftsfähigen westeuropäischen Instrumente  Violine,  Mandoline und  Gitarre.

 

Die Balalaika  - Ein Hybrid-Instrument


Schalenlaute  &  Kastenzither

Die Balalaika (gemeint ist die Andrejew-Balalaika) ist entstanden aus der Verbindung  von Hals-Laute  und  dreieckiger  Kasten-Gusli.

Sie ist somit ein  Hybrid-Instrument, das  die  Klangwelten  z w e i e r     verschiedener Instrumente  in   e i n e m  Instrument  miteinander  vereinigt.

Der Balalaikabauer kann entscheiden, ob sein Instrument einen ausgewogenen Charakter besitzen soll, oder ob er eine der beiden Identitäten der Balalaika besonders hervorheben möchte.

 

6-saitige Balalaika:  Gusli-Klang

Will er die Gusli betonen, wird er eine kastige Form wählen und zudem noch die Balalaika doppelchörig ausführen, also eine  6-saitige Balalaika  bauen.

Auf der 6-saitigen Balalaika kann man besonders gut Gusli-Klangeffekte erzeugen und sogar die  ukrainische Bandura  imitieren.

Eine  6-saitige Gusli  ist sogar aus dem Nowgoroder Gebiet historisch bezeugt.

Balalaika mit "Gusli-Proportion", entstanden aus Hals-Laute (Tanbur) und Psalterium

Renaissance  historischer  Balalaika-Bauarten und -formen  heute:

 

Dulcibanjo, Strumstick, Fluke Ukulele,  Strumbly, Luka-Gitarre, ...

2 neuzeitliche Instrumente. Links: Sog. "Dulcibanjo". Rechts: Fluke-Ukulele. Beide repräsentieren historische Balalaikaformen

Dulcibanjo

Die alte Tanbur-Balalaika (Dombra-Balalaika), also eine Balalaika mit schmalem bootspaddel förmigen bzw. schaufelförmigen Korpus aus einem einzigen massiven

Stück Holz herausgeschält, die nur in Museen anzutreffen oder in Büchern  als  Abbildung  zu sehen ist,  erlebt  heute  eine überraschende  Renaissance,

allerdings unter anderen Namen.

Ein  solches  Balalaika-Instrument, aus einem einzigen Stück Holz herausgeschält, wie in dem alten russischen Lied "Во поле берёэынька стояла" berichtet, ist  bei  Folkfriends  erhältlich unter der Phantasiebezeichnung

" Dulcibanjo C-Dur ".

Anderswo erscheint dasselbe Instrument unter der ebenfalls irreführenden Bezeichnung 

" 3 string dulcimer guitar ".

Das Instrument besitzt eine Mensur von 43,3 cm ( 17inches ). Das entspricht einer  Balalaika-Mensur von  9  6/8 Werschok !

Die Länge  des Instruments beträgt  64 cm

( die Prim-Balalaika ist 64 bis 68 cm lang) , die Breite ist 11,5 cm. Es handelt sich also um eine verschmälerte Prim-Balalaika.

Verkauft wird das Instrument unter dem irreführenden Namen "Banjo".

Hier gilt, was schon i. J.  1914  Hornbostel und Sachs, die Pioniere der wissenschaftlichen Instrumentenkunde, im Vorwort zu ihrer  "Systematik der Musikinstrumente" beklagt haben:

 

   "In der Umgangssprache gehen die Bezeichnungen kunterbunt

     durcheinander;

     Dasselbe Instrument wird bald Laute, bald Gitarre,

     bald Mandoline, bald Banjo genannt; 

     den Unkundigen führen Spitznamen und Volksetymologien

     in die Irre; ( ... )"

     (Hornbostel/Sachs 1914)

 

Mehr  über  die  Masssivholzbalalaika ("Dulcibanjo") in : 

"Balalaika und Birke  2.2."  ( 2.2.11. )

 

Fluke-Ukulele

Die  Bootspaddel-Form (oder Schaufel-Form) der Balalaika erlebt  heute eine weitere Renaissance  im "Strumstick"  und  in  der  "Fluke-Ukulele"

(siehe Bild oben)

Die Fluke-Ukulele hat wie das Dulcibanjo die Balalaikamensur von 43,3 cm. Weitere Daten: Länge der Fluke-Ukulele = 58 cm, Breite = 19cm.

Korpus = gepresst aus schwarzem Faser-Kunststoff-Verbundmaterial in sehr dünner Materialstärke.

Besonderheit: Griffbrett und Bünde sind aus  e i n e m  Stück gepresst, ebenfalls aus schwarzem Kunststoff. Obwohl es billig aussieht: das Instrument ist nicht billig. Es ist zudem ein absolutes Kult-Instrument. Erhältlich ist es mit verschiedenen Designs in identischer Form. Made in USA.

(Namensherkunft: fluke= Schwanzflosse des Wals.)

 

Strumbly

Das von "The Musicmakers" in Stillwater (Minnesota), USA "Strumbly" genannte Instrument ist ähnlich konstruiert wie die Fluke-Ukulele und hat die gleiche schmal-dreieckige Korpusform wie die historische dolbljonaja balalaika (=aus einemStück Holz gefertigte Balalaika). (Ob gewollt oder zufällig, ist nicht bekannt.) Wie die alte Tanbur ist der Strumbly griffbrettlos.

Der (oder die) "Strumbly" hat eine diatonische Bundierung (sog. "Dulcimer-Skala"). Info:

http://www.harpkit.com/mm5/merchant.mvc?

 

E-Gitarre "Luka" von GoAir:  Balalaika-Design

Auch in der Kollektion der von der Gitarrenwerkstatt  "GoAir" entworfenen Design-Gitarren taucht die alte Dombra-/Balalaikaform, die auch schon die Fluke-Ukulele beeinflußt hat, auf. Ausdrücklich nimmt das Designer-Team auf seiner Homepage auf die Balalaika als Vorbild Bezug. Der Name der Gitarre "Luka" wird erklärt als eine Wortzusammensetzung aus "Laute" und "Balalaika".

www.goair.de