1.1. WASSILI W. ANDREJEW  UND  DIE  BALALAIKA

Die Neu-Entdeckung  und  Weiterentwicklung der Balalaika  i.J. 1883  durch  Wassili  W. Andrejew (geb.1861, gest.1918)

Wassili Wassiliewitsch Andrejew mit einer von ihm entworfenen und vom St.Petersburger Geigenbauer Franz Passierbski angefertigten Balalaika. (Quelle: wikipedia "Andrejew") http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AAndreev_vas.jpg

Die erste Andrejew-Balalaika: 1884

Die Geschichte der Balalaika als Instrument in seiner heutigen uns bekannten breiten dreieckigen Form beginnt im Jahr 1884. 

In diesem Jahr ließ der russische Musiker Wassili Andrejew, anknüpfend an eine alte Balalaikaform, eine Balalaika anfertigen, die zum "Archetyp" für alle heutigen Balalaiken werden sollte.

Andrejew war damals 22 Jahre alt. Die in seinem Auftrag und nach seinen Plänen gebaute  "Andrejew-Balalaika" war keine Neu-Entwicklung, sondern eine Fort-Entwicklung: sie baut auf einer alten traditionellen Balalaikaform auf, die sich bereits Jahrhunderte vorher in Russland entwickelt hatte.

Andrejew war im Jahr 1883 bei einem Aufenthalt auf dem elterlichen Gutshof auf das Instrument aufmerksam geworden. Es war keine Kürbis-Balalaika, sondern ein aus Holzteilen zusammengesetztes Instrument mit dreieckigem Korpus in einfacher Bauart. Die Balalaika wurde von einem Landarbeiter gespielt, der kein ausgebildeter Musiker war. Andrejew war begeistert von dem Klang dieses Musik-Instrumentes. Die Liebe zur Balalaika ließ ihn von da an zeitlebens nicht mehr los.

Andrejew ließ sich von dem Landarbeiter auf dem elterlichen Gutshof  in das Balalaikaspiel einführen und lernte selber auf dem Instrument zu spielen. Er spürte, daß dieses einfache russische Volksinstrument noch mehr Klangfülle entfalten würde, wann man den dreieckigen Korpus verbreiterte, die Proportionen veränderte und die Bauart verbesserte. Das tat er.

 

 

Pondar

Der Balalaika - "Schmetterling" entfaltet seine Flügel

Die Balalaika, die Andrejew kennenlernte, hatte einen relativ schmalen Dreieckskörper. Man kann diese alte Balalaika mit einem Schmetterlingsfalter vergleichen, dessen Flügel noch zusammengelegt waren, ein Falter, der sich noch in einem nicht vollendeten Entwicklungsstadium befand.

 

In diesem Sinne stellt die kaukasische Balalaika, die tschetschenische "Pondar",  mit ihrer länglichen Stäbchenform eine "Schmetterlingsraupe" dar.

Andrejew half diesem "Schmetterling", sich zu entfalten (im wahrsten Sinne des Wortes): er gab der Balalaika ihre Breite. Und er bewirkte, daß das einfache Instrument eine größere ("breitere") Klangfülle entfaltete. Der Klang wurde gusli-ähnlicher.

Krylovidnye Gusli    -    Krylovidnaja Balalaika

"Flügel-Psalterium"  -  "Flügel-Balalaika"

Die Vorstellung von der Balalaika als einem "geflügelten Wesen" knüpft an ein anderes traditionelles russisches Musikinstrument an: die Gusli. Die russische Brettzither, Gusli genannt, ist ein "Flügel-Instrument": sie trägt in Russland die Bezeichnung "крыловидные гусли" = "Flügel-Gusli" (krylo= der Flügel).

Die Balalaika gehört instrumententechnisch zu den Langhalslauten, die es in vielen Korpusformen gibt. In Russland begann die Entwicklung zu einer verbreiterten dreieckigen Korpusform. Vorbild war die Gusli, das russische Psalterium.  Andrejew beschritt diesen Weg weiter.  Das schmalflüglige Dreieck entfaltete er zu einer breitflügligen Form. So bekam die Balalaika immer mehr Ähnlichkeit mit der schlemovidnye gusli, einer Gusli in symmetrischer Dreiecksform mit ausgebogegen Seitenflanken.

Die Dreiecksform und der "Dreiecksklang" dieser Gusli war dem russischen Ohr seit jeher vertraut.

( siehe: 3.3. Formen des Psalteriums )

 

Zum  ersten  Mal  schriftlich erwähnt  wird  die  Balalaika ( russ.: балалайка )

( in einem Polizeibericht ) im Jahr 1688, aber nur namentlich.  Es ist nicht berichtet, wie das Instrument namens "Balalaika" damals ausgesehen hat, welche Form und Größe und wieviel Saiten das Instrument hatte.

Vermutlich handelt es sich bei der im Jahre 1688 erwähnten Balalaika um eine Domra-Balalaika, also um eine runde, aus einem halben Kürbis hergestellte Balalaika.

Traditionelle Balalaikaformen

 

Balalaiken und ihre persischen Vorfahren, die Tanburen, gab es in verschiedenen  Formen und Ausführungen. Der Korpus dieser Langhalslauten konnte rund, oval, schaufelförmig, paddelförmig, rechteckig und dreieckig sein.

Jede Form verlieh dem Instrument eine andere Klangfarbe. Nicht erst durch Andrejew im Jahre 1883, sondern schon bereits vorher gab es in Russland Balalaiken mit dreieckigen Korpusformen. 

Man spürte, daß der dreieckige Korpus am besten geeignet war, einen Klang hervorzubringen, der dem russischen Musikempfinden, das an die Gusli gewöhnt war, am meisten entsprach.

Auch Andrejew erkannte, dass es die  Dreiecksform  war, die der Balalaika ihr einzigartiges  "dulce melos" verlieh. 

Um dieses noch mehr hervorzuheben, vergrößerte er den Winkel des vorher schmal-dreieckigen Korpus, so dass dieser die Form eines gleichseitigen Dreiecks annahm.

 

Durch diese Maßnahme wurde die Balalaika der alten russischen "Gusli schlemovidnye" nicht nur in der Form, sondern auch im Klang ähnlich.

Ähnlich - nicht identisch. Wenn Andrejew eine Identität von Gusli und Balalaika hätte schaffen wollen, dann hätte er einen dreieckigen Zargenkasten mit einem angesetzten Hals gebaut: ein "Hals-Psalterium".

Andrejew aber respektierte die besondere russische Balalaikatradition, die Schalenkorpus mit Dreiecksform miteinander verband. Außerdem besaß Andrejew, der als "musikalisches Wunderkind" galt, ein tiefes musikalisches Empfinden, das ihm sagte, dass eben diese Verbindung von gewölbter Schale und dreieckigem Korpus den geheimnisvollen Klangcharakter der Balalaika ausmachte.

 

Um es anschaulicher und vereinfacht zu sagen, besonders für diejenigen, die mit den Fachbegriffen "Tanbur" und "Psalterium"  nicht so sehr vertraut sind:

die so geformte Balalaika vereinigt den Klang von  Mandoline  und  Zither  miteinander (und übrigens auch deren Spielarten).

Mandolinenklang (mit Tremolo) ist uns von der italienischer Rundbauchmandoline her bekannt. Das Psalterium ist nichts anderes als unsere Zither, deren Klang von vielen als "überirdisch" empfunden wird.

 

Gusli - die russische Zither

Gusli schlemowidnyje. Skizze

Auch das Psalterium hat in Persien seinen Ursprung, wird dort aber "gehämmert". 

Russland kann für beide Instrumententypen (Schalenlaute und Psalterium) auf eine eigene lange Tradition zurückschauen. Der Schalenkorpus ist nicht von Italien übernommen worden, sondern geht auf die "Kürbis-Balalaika" zurück.

Auch das Psalterium hat eine eigene lange russische Tradition. Eine besondere Form des russischen Psalteriums war die Helm-Gusli, die gusli schlemowidnyje

mit breitem Korpus und gerundeten Seitenflanken. Beide Merkmale (breite Korpusform, gebogene Seiten) besitzt die heutige Balalaika. Im 12. Jahrdundert war das  Psalterium, die Gusli,  in Russland Nationalinstrument.

Und auch  im 18. und 19. Jahrhundert ist sie als Nationalinstrument bezeugt.

In der deutschen Edition von N. Rimski-Korsakow "100 russische Volkslieder"

(Härtel & Breitkopf, Wiesbaden 1877) schreibt der Übersetzer als Anmerkung

zu Lied Nr. 26:

 

"Die Gusli ist das verbreitetste russische Nationalinstrument,

  das in vielen verschiedenen Formen vorkommt,

  ungefähr unserer Zither oder Laute vergleichbar."

Balalaika um 1900. Werkstatt Sjusin, St. Petersburg
Der Landarbeiter Antip mit seiner Balalaika. Andrejewscher Gutshof 1883

Das Ursprungs-Instrument für die Andrejew-Balalaika:

Die Balalaika des Antip in Marjino

 

Das  nebenstehende  Bild  zeigt  den  Balalaikaspieler  und  die  Balalaika, auf die  Andrejew  1883  auf  dem  Gutshof  in  Marjino ( Марьино) aufmerksam wurde.

Wie es eindeutig zu sehen ist, besaß dieses Instrument einen kleinen Korpus. Ohne Zweifel handelt es sich hier um ein Instrument, das in (Kunst-)Tischler-Arbeit hergestellt worden ist, ein Instrument der  Bauart IV. 

(Bauart I: Korpus aus 1 Stück geschnitzt. Bauart II.: Korpus aus einem Kürbis.) Bauart III:aus Kunststoff gegossen, Bauart IV bedeutet: eine Balalaika mit dreieckigem Korpus , zusammengesetzt aus miteinander verleimten Holz-Teilen ("Streifen",  "Spänen",  "Planken").

 

Ob das Instrument einen bauchigen Schalenkorpus hatte oder aus einem flachen Kasten mit Zargen bestand, ist auf dem Foto nicht eindeutig zu erkennen.

(Übrigens: ein Manko fast aller Balalaika-Fotos: das Instrument wird immer in der Draufsicht fotografiert, die Fotografen sind fasziniert von der dreieckigen Decke. Selten sieht man das Instrument in der Seitenansicht, noch seltener sieht man die Unterseite des Korpus)

 

Über den Wert einer solchen - wie auf dem Foto angebildeten - Balalaika gibt es zwei verschiedene  Einschätzungen.

Die einen behaupten, hier handle es sich um eine  primitive  Samodelka, eine

"самодельная крестьянская балалайка" "samodeljnaja krestjjanskaja balalaika" ("selbstgebaute Bauern-Balalaika"), bzw. eine

"деревенская деревянная балалайка" "derewjenskaja derevjannaja balalaika" ("dörfliche Holz-Balalaika"), also ein primitives Billiginstrument.

Andere weisen darauf hin, daß Balalaiken dieser Art kunstvolle instrumentenbauerische Werke waren, deren Herstellung große tischlerische Fähigkeiten voraussetzte; sie konnten nicht von jedermann angefertigt werden.  Solche Instrumente waren wertvoll, sie waren ein kostbarer Besitz und sie waren keineswegs billig im Preis. In diesem Zusammenhang wird gerne folgende Aussage zitiert, die aber leider nicht hinlänglich belegt ist und aus der nicht hervorgeht, welche Art Balalaika gemeint ist.

 

   "Bei den damaligen Preisen kosteten Balalaikas ziemlich viel

     - von 10 - 200 Rubeln.

     Zum Vergleich - eine Kuh konnte man zu dieser Zeit

     für 10 Rubel kaufen".

(Zitat aus einer Sendung des Radios "Stimme russslands" vom 24.4.2011 "Aus der Geschichte der Balalaika".

http://german.ruvr.ru/radio_broadcast/4002630/49466174.html

 

200 Rubel  oder  nur  35 Kopeken ?

Der Quellenwert dieses Zitats ist allerdings anzuzweifeln. Der angegebene Rubelbetrag bezieht sich höchstwahrscheinlich auf eine nach dem Entwurf Andrejews gefertigte Meisterbalalaika. Andrejew selber gibt in seiner Biografie den Preis einer "Bauernbalalaika" mit 35 Kopeken an.

 

Der Name des Besitzers und Spielers der Bauernbalalaika, die das ganze Leben von Andrejew verändert hat, ist  bekannt: Antip, ein Landarbeiter auf dem Andrejewschen Gutshof.

Sein Spiel auf der Balalaika traf auf fruchtbaren Boden: Wassili  Andrejew war nicht nur ein begeisterter und neugieriger Zuhörer, sondern er war musikalisch ausgebildet und selber ein passionierter Musiker. Er spielte Klavier, Violine und Harmonika, komponierte selber und war Musikwissenschaftler, der sich für Musikinstrumentenkunde und Instrumentenbau interessierte.

Als er das Balalaikaspiel hörte, war von dem Klang fasziniert. Sein Leben sollte von nun an von der Balalaika beherrscht werden. 

Er erlernte selber das Balalaikaspiel, erforschte das Instrument und vervoll-kommnete es.  Er vermehrte die 5 Bünde, die das Instrument besaß, und schuf eine chromatische Bundierung (mit 12 Bünden), außerdem vergrößerte er den Korpus und verkürzte den Hals. Dies alles geschah in Zusammenarbeit mit dem Tischler Antonow im Nachbarort Bezetsk und später mit dem Geigenbauer Wladimir Iwanow ( St.Petersburg ) , dem Geigen- und Gitarrenbaumeister Passierbski ( St.Petersburg ) und dem Kunsttischler Semjon Nalimow, den Andrejew gewinnen konnte, in seiner Balalaikawerkstatt in Marjino zu arbeiten.

Andrejew zahlte ihm einen  Monatslohn von 60 Rubeln. (Mehr Informationen zu Nalimow:  http://www.balalaika-master.ru/paper/007/) Dort auch folgende Information über den Preis einer Balalaika:

 

Средняя цена балалайки примы колебалась от 50 до 75 рублей. Отдельные, наиболее удачные инструменты оценивались до 300 рублей. Для сравнения следует сказать, что средняя цена обычных концертных инструментов работы других мастеров колебалась в то время между 15-20 рублями. Каждому инструменту Налимов уделял много внимания, его работа отличалась высокой точностью и красотой.

 


1894 gab Andrejew eine selbstverfasste Balalaikaschule heraus.

 

Wer mehr über Andrejew erfahren will, bekommt die ausführlichsten Informationen in den zahlreichen russischsprachigen Biografien und Nachschlagewerken.

Siehe auch  www.gendocs.ru

http://do.gendocs.ru/docs/index-131764.html

 

In deutscher Sprache gibt es eine gute und knappe  Einführung  in das Lebenswerk Andrejews  in dem Buch von Michael  Goldstein  "Michael Ignatieff und die Balalaika".

Außerdem ist zu empfehlen das Buch von Inna Okhten, Drei Saiten in meinem Herzen. Dieses ist ein sehr poetisches Buch, aber mit vielen sachlichen Informationen über Andrejew und das Instrument Balalaika, ein Instrument, das - wie Okhten schreibt, - 

 

      "die Seele rührt, bewegt, beunruhigt, bezaubert. (...)" - und weiter-

      "Dieses Instrument kann jemanden in Aufregung versetzen und zum

       Nachdenken anregen, es kann beruhigen und versöhnen, bezaubern

       und faszinieren, (...)."


Bitte, weiterlesen!




 

Die Balalaika, so wie wir sie heute kennen, ist auf dem Foto am Anfang dieses Kapitels  zu sehen:  ein Zupfinstrument mit breitem dreieckigen Korpus, drei Saiten und schmalem Hals. Der, der sie in Händen hält, ist Wassili Andrejew, ein russischer Adliger mit musikalischer Ausbildung und großem Interesse an russischen und italienischen (Volks-)Musikinstrumenten. Er spielte bereits im Kindesalter viele Instrumente (jedoch nicht Balalaika) und studierte Violine am St. Petersburger Konservatorium bei Prof. Nikolai Vladimirovich Galkin.

 

Balalaika und Wolga

Wassili  Andrejew gilt als der  "Vater der modernen Balalaika". Seine erste Begegnung mit der Balalaika fand statt im Jahr 1883 in Marjino ( Марьино) auf dem elterlichen Gutshof, der nach dem Tod seines Vaters von seiner Mutter verwaltet wurde. Andrejew war damals 23 Jahre alt.

Das Dorf Marjino liegt nahe der Stadt Бежецк (transkribiert: Bezetsk, Beschezk, Beshezk), dem Geburtsort  Andrejews  im  ehem.  russischen  Gouvernement  Twer.

Das Twerer Gebiet ist für Russland sehr bedeutsam: hier  entspringt in den Waldai-Höhen  Russlands berühmtester Fluss:  "Mütterchen" Wolga

Die Balalaika, die Andrejew zu Gesicht bekam, hatte eine etwas andere Form als die Balalaiken, die wir heute kennen. Ihr Korpus war zwar dreieckig, aber sehr schmal.

Als Andrejew das Balalaikaspiel  zum ersten Mal hörte, war er fasziniert vom Klang dieses Instrumentes. Zeitlebens kam er nicht mehr von diesem Instrument los. Er erforschte das Instrument und erlernte selber das Balalaikaspiel. Andrejew entwickelte die Balalaika weiter, gab ihr ihre bis heute gültige Form und machte das Instrument weltweit  bekannt.

 

Die Balalaika in Deutschland und in Westeuropa

Schon bevor Andrejew die Balalaika in ihrer perfektionierten Form weltweit bekannt machte, hatte sie schon in ihrer alten schmalen Dreiecksform am Beginn des 19.Jhds. eine Reise nach Polen, Deutschland und Westeuropa gemacht und war beachtet worden. Dies geschah im Zuge der Befreiungskriege gegen Napoleon. 1812 wurde das napoleonische Heer aus Russland vertrieben, 1813 besiegten in der Völkerschlacht bei Leipzig die Truppen der Verbündeten Österreich, Preußen, Schweden und Russland die Truppen Napoleons. Russische Heereseinheiten und Kosakenverbände zogen durch Europa und kamen bis nach Paris. Auf ihrem Weg brachten sie auch die Balalaika mit. Viele Wörter der russischen Sprache fanden Eingang in den Sprachschatz der deutschen und französischen Sprache. So auch "Bistro"

(von russ. "bystro" = schnell)  und "Balalaika".

Sowohl Bistro als auch Balalaika haben sich seither verändert, beide sind moderner geworden. Bei der Balalaika geschah die grundlegende und die das Instrument bis heute prägende "Perestroika" im Jahr 1884 durch

W. Andrejew.

 

1884: Die erste "Andrejew-Balalaika".

Die erste Balalaika, die nach Anweisung von W. Andrejew gefertigt wurde, stellte der Tischler Antonov  in Bezetsk im Jahr 1884  her. (Eine andere Quelle gibt als Namen  И. Муравьев  an: http://muzmaster.jimdo.com/ ).

Antonow  (bzw.  Murawjow ?) gebührt der Ruhm, die erste  "Andrejew-Balalaika" hergestellt zu haben. 

Diese war sehr einfach gebaut und hatte - wie fast alle Lauteninstrumente der damaligen Zeit - verschiebbare Darmbünde, die um den Instrumenten- hals  geschlungen wurden. Die Bünde waren diatonisch gesetzt. Anfangs waren es nur 4 oder fünf Bünde.

Andrejew nahm an diesem Instrument viele  Verbesserungen vor:

Er verwendete Matallbünde, die fest in das Griffbrett eingelassen wurden und vermehrte ihre Zahl.

Er setzte die Bünde in Halbtonschritten (chromatisch). Die Halsmensur erhielt 16 Bünde, weitere kamen hinzu, nachdem das Griffbrett in den Korpusbereich hinein verlängert wurde. Außerdem vergrößerte Andrejew den Instrumentenkorpus und nahm noch weitere Veränderungen vor. Er richtete in Marjino eine Balalaikawerkstatt ein und ließ dort nach seinen eigenen Entwürfen viele verschiedene Balalaiken herstellen.

Es sind besonders vier Instrumentenmacher, deren Name fest mit der Geschichte der neuen Balalaika verknüpft sind. Hier ihre Namen:

 

Wladimir W. Iwanow   Владимир  Владимирович  Иванов,

                                    Geigenbaumeister , St. Peterburg, 1885

 

Franz Passierbski         Франц  Станиславович  Пасербский

                                    (Franz Stanislawowitsch Paserbskij),

                                    Geigen- und Gitarrenbaumeister, St. Peterburg.

                                    Er baute 1886 die erste chromatische Balalaika

                                    mit 12 Bünden.

 

Semjon I. Nalimow      Семён  Иванович  Налимов (1857 -1916)

                                    Kunsttischler aus Ostrowski im Gouwernement Twer.

                                    Nalimow gilt wegen seines Talents als "der Stradivari 

                                    der Balalalaika"  ( "балалаечный Страдивари" ).

                                    Er leitete in Marjino die Andrejewsche Balalaika-

                                    Werkstatt und baute dort Balalaiken in 6 verschiedenen

                                    Größen:

                                    

                                    дискант, пикколо, прима, альт, бас, контрабас.

 

                                    Jede Balalaika erhielt innen folgendes Klebe-Etikett:

 

                                    №             год
                                    Работа  С.И. Налимова
                                    под руководством В.В. Андреева
                                    сельцо Марьино-Андреевское


Iosif Ignatjewitsch Galinis (St. Peterburg. Dort Schüler in der Werkstatt von 

                                   Sjusin) Im Jahr 1816, nach Nalimows Tod, trat Galinis 

                                   dessen Nachfolge als Leiter der Balalaikawerkstatt in 

                                   Marjino  an.   Markenzeichen  seiner  Balalaiken:

                                   die  aus  7  "Dauben" bestehende Korpusschale  

                                   ( семиклепочный  корпус ).

                                  

                                   

                                  

                            

 

Weitere bekannte Balalaikabauer sind:

 

Iwan Abramowitsch Sjusin (St. Peterburg)

 

N. Fomin (Marjino)

 

N. Priwalow (Marjino)

 

P. Oglobin (Marjino)

 

Semjon Iwanowitsch Sotzki (Moskau)

 

Werkstatt Julius Heinrich Zimmermann    -   Werkstätten bzw. Vertrieb in:

1. St.Petersburg, 2. Moskau, 3. London, 4. Riga, 5. Markneukirchen,

6. Leipzig, 7. Berlin.

Zimmermann warb mit dem Bau von "Balalaiken und Domren"

(Man beachte die Pluralform v. Balalaika!)

Die von Zimmermann gebauten Balalaiken besaßen -  im Gegensatz zu den traditionellen russischen Balalaiken - ein vergrößertes Schallloch.

 

Paul Fischer           (In Riga bei Fa. Zimmermann) (Markneukirchen) 

 

Walter J. Vogt        (Mühlen am Neckar)

                               (Gitarrenbauer, Bau von 31-bündigen Nalimow-Balalaiken)

 

Andreas Gerth       (Berlin)

 

Dieter Hauptmann (Adelaide, Australien)

 

und viele, viele andere.

(Die Reihe wird fortgesetzt bzw. ergänzt. Hilfe erwünscht!)

 

Das Balalaika-Denkmal in Bezetsk 

In Bezetsk wurde Wassili Wassiljewitsch Andrejew am  26. Januar (julianischer Kalender: 14. Januar)  1861 geboren.

Hier wurde auch 1884 in einer Tischlerwerkstatt die erste Balalaika gebaut, hergestellt  nach den Entwürfen Andrejews: Der Urtyp der "Andrejew-Balalaika".

In Erinnerung an den Bau dieser ersten "Andrejew-Balalaika"  wurde im September 2011 in Bezetsk ein  Balalaika-Denkmal  erbaut: ein ca. 2 Meter hohes  massives hölzernes Modell einer Balalaika, umrahmt von einem freistehenden steinernen Torbogen. Das Denkmal trägt folgende Inschrift:

 

«В 1884 году  по заказу Василия Васильевича Андреева 

столяр бежечанин Антонов смастерил балалайку.

Андреев подарил простенькому русскому инструменту вторую жизнь, и уже усовершенствованная, зазвучавшая по новому в руках мастера, встала бежецкая балалайка во главе Великорусского оркестра.

Отсюда, из Бежецка, началось ее триумфальное славное шествие

по всему миру».

 

Quelle:

http://tver.bezformata.ru/listnews/bezhetcke-otkrit-pamyatnik-balalajke/1584467/

 

Unsere heutigen Balalaika  bauen auf das von Andrejew neu konzipierte Balalaika-Modell auf.

Die von Andrejew neu konstruierte Balalaika besitzt einen  Korpus  in  dreieckiger  breiter Form, hat 3 Saiten und einen langen  schmalen  Hals mit einem Griffbrett in chromatischer Bundierung. Die Anzahl der Bünde beträgt 16, bei Konzert-Balalaiken sind es 19, 24, 27 und mehr Bünde.

Der Korpus  der  Andrejew-Balalaika  ist aus  mehreren separaten Holzteilen 

"g e z i m m e r t ". "Gezimmert" ist in seiner wörtlichen Bedeutung zu verstehen: Die zusammengefügten Holzelemente bilden ein "Klangzimmer", einen Resonanzkörper, der nicht mehr  -  wie früher  -  aus einem einzigen Stück

(Holz oder Kürbis) besteht, sondern  aufgebaut wird aus  separaten Elementen.

Diese sind dünne Bretter aus Holz, die in Kunsttischler-Arbeit zugeschnitten  und  miteinander  verleimt  werden: Die Korpusschale besteht aus Spänen (bzw.Zargen) und Sadinka (das schräge Hinterbrett), die Decke aus Fichte. Fichte gilt als bestes Tonholz.

 

Andrejew unterrichtete in den Kasernen von St.Petersburg russische Soldaten  im Balalaikaspiel, die das Instrument nach beendetem Militärdienst in ihre Heimatstädte und -dörfer im weiten Russland mitnahmen und auf diese Weise das Instrument dort bekannt machten bzw. das dort in Vergessenheit geratene  Instrument und Balalaikaspiel wieder neu belebten.

 

Um es deutlich klar zu stellen:  Andrejew ist nicht der Erfinder der Balalaika und auch nicht der Erfinder der Dreiecksform  der Balalaika. Die Dreiecksform ist schon vorher entwickelt worden, es gab sie  in verschiedenen Winkelmaßen und Proportionen, jedoch immer in schmaler Form.

Erst Andrejew verbreiterte den Korpus und entwickelte die (fast) gleichseitige Dreiecksform.

Trotz  aller  Verschiedenheit  der  Formen: 

die  Balalaika vor und nach Andrejew war immer  s y m m e t r i s c h   aufgebaut, im Gegensatz zur ukrainischen Bandura, deren Aufbau unsymmetrisch ist.

 

Andrejew und die drei  russischen Saiteninstrumente

Balalaika,  Domra  und  Gusli

Andrejews Interesse galt nicht nur der Balalaika, sondern auch der Domra ("russische Mandoline", "runde Balalaika")  und  dem  russischen  Psalterium,

der  Gusli.

Genauso wie die Balalaika studierte und erforschte Andrejew auch die beiden anderen Volksinstrumente  Domra und  Gusli. Seine Liebe aber galt der Balalaika.

Diese veränderte er so, daß sie die Vorzüge von Domra und Gusli in sich vereinte. Dies gilt für die Formgebung und für den Klang (die Spielart).

 

Die Andrejew-Balalaika   =   Synthese  von  Domra + Gusli

Die Domra ist von der Form her ein reines Schalenkorpus-Instrument mit 

                  runder Form. Die Kürbis-Domra wird bei Gogol "Balalaika" genannt. 

                  Die Domra ist eine Weiterentwicklung der persischen Tanbur.

Die  Gusli  ist ein reines Kastenkorpus-Instrument von dreieckiger Form.

Die Balalaika  fasst beide Korpustypen in sich zusammen.

 

Die Spielarten:

Traditionelle Balalaika: Die traditionelle Spielart der Balalaika ist die Tanbur/Dombra-Spielart: die Saiten werden mit Daumen und Zeigefinger gezupft oder mit dem Zeigefinger wechselseitig von oben und unten gestrichen.

Domra: Die Hauptspielart der Domra ist das Tremolo (wie bei der italienischen Mandoline) 

Gusli: Die Gusli verwendet die gleichen  Zupf- und Fingeranschlagtechniken wie jede Zither. Saiten, die nicht mitklingen sollen, werden durch "Fingerauflegen" abgedämpft.

Die Andrejew-Balalaika: Die heutige Balalaika verbindet  alle Gusli-, Dombra- und Domra- Spielarten miteinander. Das "dulce melos" wird  durch die drei-

eckige Gusliform hervorgebracht und bekommt besonders durch das Tremolospiel seinen Glanz.

1.1.2. Balalaika.

          Ein Name - viele Instrumentenformen

1.1.2. Die  Geschichte  der  Balalaika  beginnt  -  wie bereits oben erwähnt  -  lange  vor  1883,  dem  Jahr,  in dem  Wassili Andrejew  auf das Instrument aufmerksam wurde, sich  seiner  annahm,  seine  Form vervollkommnete  und  es  weltweit  publizierte 

( Weltausstellung  Paris 1889 und 1900 ).

Mit dem Wort "Balalaika" wurden nicht nur  dreieckige  Lauteninstrumente benannt, sondern auch runde, ovale, rechtreckige  und schaufel- bzw. bootspaddelförmige.

(Siehe dazu : Frühe Formen der Balalaika bei Michael Goldstein, Seite 10 mit Abbildungen)

Nicht nur die Form der Balalaiken war unterschiedlich, sondern auch  das Material, aus denen sie hergestellt wurden, ebenso die Größe, die Saitenanzahl und die Bauarten.

Im Laufe ihrer Geschichte erlebte die Balalaika 4 verschiedene Arten der Herstellung ihres Instrumentenkorpus:


Vier verschiedene  Bau- und Herstellungsarten

des Balalaika-Korpus

 

1. Balalaiken aus Kürbis  ( in verschiedenen Formen ).

2. Balalaiken aus Massivholz, aus einem einzigen Stück herausgeschnitzt

3. Balalaiken aus zusammengeleimten Holzteilen.

4. Balalaiken aus Kunststoff ( nur Korpus. Decke aus Holz ).  Seit dem 20. Jhd.

 

Alle vier Bauarten sind im Kapitel  1.1. SYSTEMATIK  DER  BALALAIKA  dargestellt:

 

1.1.1. Wozu dient die Balalaika?

 

Die Balalaika gilt als ein geheimnisvolles und ungewöhnliches Instrument. Geheimnisvoll ist ihr Klang, ungewöhnlich ist ihre dreieckige Form, im Dunkeln liegt ihre Geschichte, jedenfalls die Epoche vor dem Jahr 1883, als der russische Musiker  Wassili Andrejew  die Balalaika zu ihrer heutigen endgültigen Form brachte und das Instrument ins Licht der Weltöffentlichkeit rückte (u.a. auf den Pariser Weltausstellungen 1898 und 1900).

Immer wieder versuchen Menschen, Licht in dieses Dunkel  v o r  1883 zu bringen. Jeder aber verwendet dafür einen anderen Scheinwerfer und  -  jeder leuchtet in eine andere Richtung.

Auch diese Website wird keine hundertprozentige Erleuchtung bringen - und will (und kann) es auch nicht.  Aber sie möchte einige Streiflichter aussenden in Richtungen, die bisher vernachlässigt wurden, und Zusammenhänge aufzeigen, die vorher nicht so gesehen wurden.

 

Nicht nur die Geschichte der Balalaika gibt Rätsel auf, sondern auch die Frage, was für eine Art Instrument sie ist, wozu die Balalaika dient, d.h. für welche Art Musik die Balalaika verwendet wird.  Man hört verschiedene Antworten.

Hier die wichtigsten:

 

Balalaika-Definitionen

Die Balalaika -  ein Folklore-Instrument für russische Musik.

Die Balalaika -  ein Konzertinstrument (am besten im Zusammenspiel mit Piano)

Die Balalaika -  ein Instrument für virtuoses künstlerisches Solo-Spiel

Die Balalaika -  ein Begleitinstrument für Gesang (nicht nur für russische Lieder)

Die Balalaika -  ein Instrument für eigenständiges Melodie-Spiel.

 

Welches ist die richtige Antwort? Ganz einfach: alle Antworten sind richtig.

Die Balalaika verwandelt sich zu dem Instrument, das der Balalaikaspieler aus ihr macht. Hier hilft ein Blick auf die Kleidung des Spielers.

 

Was sagt die Kleidung des Balalaikaspielers aus?


Man achte immer genau auf die Kleidung des Spielers.

Tritt er in Anzug und Krawatte - oder wie es früher üblich war -  im Frack auf, dann präsentiert er eindeutig die Balalaika als Kammermusik- bzw. als Konzertinstrument, oft im Zusammenspiel mit einem Klavier.

 

Präsentiert er sich mit offenem Hemd oder mit Rollkragenpullover auf der Bühne, dann kann man sich auf ein akrobatisches virtuoses Spiel, bei dem alle Register von gefühlvoll bis wild gezogen werden, gefaßt machen.

Der Balalaikavirtuose Alexej Archipowski ist dafür ein Beispiel ("Man kann auf der Balalaika alles spielen")

 

Tritt er in russischem Stehkragenhemd auf oder in Kosakenkleidung mit Papacha (Pelzmütze) und Stiefeln, so zeigt er unübersehbar, daß er die Balalaika als Folkloreinstrument einsetzt, mit dem er die die Farbigkeit, Tiefe und Weite russischer Volksmusik offenbaren will.

 

Ist sie in der Hand eines Pfadfinders mit kurzen Hosen, Halstuch und am Lagerfeuer sitzend, so wird die Balalaika gewiß als Schrammel-Instrument zur Begleitung von Fahrtenliedern in Erscheinung treten.

 

Das Erstaunliche:  Die Balalaika entfaltet in jeder Szenerie ihren Zauber.

1.1.3. Balalaika - Ein Instrument mit Vorfahren

1.1.3. Die Balalaika entstammt zwei Instrumentenfamilien

Die Balalaika ist nicht dem  spontanen Einfall einer Einzelperson entsprungen (wie z.B. das Saxophon), sondern das Ergebnis einer langen Entwicklungsgeschichte. Diese Geschichte hat sich in Russland "abgespielt", einem Land, in dem europäische und asiatische Traditionen auf vielen  Ebenen  aufeinander  einwirkten, auch  auf der Ebene  des  Musikinstrumentenbaus.

Der genaue Verlauf der Balalaika-Geschichte läßt sich nicht eindeutig darlegen. Die Instrumentenkundlerc sind sich uneins.  Immer wieder neue Thesen werden aufgestellt.  Unumstritten ist, daß die heutige Balalaika Vorfahren hat.

Nach meiner Überzeugung  sind es  2 Vorfahrenlinien, die zusammengeführt wurden und das Entstehen der heutigen Balalaika bewirkt haben.

Zwei Instrumentenfamilien bzw. Instrumententypen wurden vereinigt und haben den heutiigen Balalaika-Typ hervorgebracht. Es sind folgende beide Instrumentenfamilien:


1. Die  Familie  der  ovalen/schaufelförmigen

   Schalen-Langhalslauten ( Rundbauch )

   

     (Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit)

                                                                    

     PERSISCHE  TANBUR       ....................................    ( LAUTE )

      (Tanburen  aus  Kürbis  und  aus  Holz)

      Dutar:   2-saitige Tanbur

      Setar:   3-saitige Tanbur

      Ägytische  Nablas  

      (Als  Langhalslaute  gedeutet. Deutung jedoch umstritten)

      Kaukasische Tanburen

      Kasachische Dombra               

      Russische/ukrainische rundbauchige Domra,

      Türkische  Baglama-Saz.

      Griechische Bouzuki (Rundbauch)

      (entstanden aus der türkischen Baglama)

      Irische  Bouzouki ( Flachbauch !)

      (entstanden aus der griechischen Bouzouki)


2. Die  Familie  der  flachen 

   Kastenzithern  ( Dreiecksform ):

   

     (Die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit)



     PERSISCHE  SANTUR    ..............................   ( PSALTERIUM )

     Orientalische/asiatische Zithern

     Europäische Psalterien (Dreieck, Trapez)

     Russische Gusli schlemovidnyje

     Nordrussische/finnische/karelische Kantele

     Europäische Scheitholte in Dreiecksform

     Div. Zithern mit Dreiecks/Trapezform

   

   

Aus  der  Verbindung  von  LAUTE  und  PSALTERIUM  ist  die  Balalaika  entstanden.

Die Laute hat die dreieckige Form des Psalteriums angenommen.

Die Balalaika kann also als ein   H y b r i d - I n s t r u m e n t  angesehen werden.


   Was bedeutet "hybrid"?

   Der Ausdruck  Hybrid  bedeutet 

   „etwas Gebündeltes,  Gekreuztes  oder Gemischtes“.

   Es stammt ab von dem lateinischen Fremdwort griechischen Ursprunges

   hybrida.  (Quelle: wikipedia)


 

Oben: Hals einer Balalaika. Darunter: Psalterium
Persische Tanbur (Setar = dreisaitige Tanbur)
Балалайка. Balalaika. Dreiecks-Psalterium (Gusli-Korpus) mit Lautenhals

1.1.4. Exkurs: Balalaika und Bandura

Ukrainische Bandura, 57 Saiten

Auch die die ukrainische  Bandura kann zu den Hybridinstrumenten gezählt werden. Die Bandura verbindet die Form der  Halslaute  mit  der Form der  Kastenzither, allerdings hat die Entwicklung hier einen anderen Verlauf genommen als bei der Balalaika. Die Bandura hat sich gänzlich von der Laute zur Zither gewandelt, während die Balalaika eine Laute geblieben ist.


Von der Kobsa zur Bandura

Der Lautentyp, aus dem die Bandura entstanden ist, ist die Kobsa, eine Hals-Laute.  Diese wurde fast vollständig in eine  Brettzither umgewandelt. Der Weg dorthin verlief folgendermaßen:

1. Schritt:

Die Kobsa war symmetrisch aufgebaut: der Hals dieser Laute war, wie bei der Mandoline, der Gitarre u.s.w.,  m i t t i g  an den Korpus angesetzt. Zusätzlich zu den über den Hals ( und den Korpus) verlaufenden Saiten wurden rechts davon weitere Saiten gesetzt. Der Korpusbereich links des Hals-Saitenfeldes blieb ohne Saiten.

2.Schritt:

Um noch mehr Saiten auf dem Korpus unterzubringen, wurde der Hals an den linken Rand des Korpus gesetzt, also asymmetrisch angebracht. Das Bass-Saitenfeld verlief jetzt  entlang des linken Korpusrandes.  Die gesamte Fläche der Korpusdecke rechts davon konnte nun zum Anbringen vieler weiterer Saiten genutzt werden.

Zusätzlich wurde oft noch der gesamte Korpus verbreitert, um noch mehr Saiten unterzubringen.

Dieses so  verbreiterte Instrument erinnert an die Scherrzither mit ihrer bauchigen seitlichen einseitigen Auswölbung.

Das Ergebnis: die Laute wurde zur Zither umgeformt.

Die tiefen Saiten sind die, die über dem Hals laufen.  Der Bandura-Hals ist aber kein Lautenhals mehr. Als Lautenhals besaß er Bünde, die Saiten wurden mit der linken Hand gegriffen (verkürzt) und mit der rechten Hand angeschlagen.


Nun, da die Laute sich zur Zither gewandelt hat, sind keine Bünde mehr notwendig. Der Abstand der Saiten von der Halsoberfläche wurde vergrößert. Ein Niedrdrücken der Saiten ist nicht mehr möglich und auch nicht notwendig: Die Saiten erklingen als Leersaiten und werden im Halsbereich  gezupft.

Die Bandura wird also - wie die Gusli - zweihändig gespielt. Die linke Hand spielt die Bass-Saiten im Halsbereich, die rechte Hand zupft die übrigen Saiten.


Die Bandura

 

Saitenaufhängung

Während die Kobsa sehr häufig eine Querriegel-Saitenaufhängung  a u f  der Instrumentendecke besaß, werden bei der Bandura generell die Saiten am Korpusrand befestigt. Die Saiten, die zwei Saitenfelder bilden, laufen über einen Steg auf der Decke.


Zwei Saitenfelder - zwei Stege

Die Bandura besitzt zwei Saitenfelder nebeneinander. Das erste Feld ist das lange Bass-Saitenfeld, dessen Saiten über  Korpus und Hals  laufen. Es besitzt also eine Korpus- und Halsmensur.  Das Bass-Saitenfeld wird über einen eigenen Bass-Steg geführt.


Das zweite Saitenfeld befindet sich unmittelbar neben dem Bass-Saitenfeld. Es besitzt nur eine Korpus-Mensur. Seine Saiten werden über einen  langen geschwungenen Steg geführt.

Der Steg teilt die Saitenlänge in zwei Bereiche: die Vor-Mensur und die Mensur.

Die Vor-Mensur ist bei der Balalaika und bei den Instrumenten der Geigenfamilie eine "Tot-Mensur". Dieser Saitenabschnitt wird nicht gespielt. Anders bei der Bandura.

Das Anschlagen der Saiten der Vor-Mensur für bestimmte Spieleffekte gerne angewandt.


Die Saitenführung

Der Saitenverlauf  a l l e r  Saiten ist entweder parallel, oder es gehen beim zweiten Saitenfeld die Saiten strahlenförmig auseinander - wie bei der Kantele.

 

Die Spielhaltung

Die Bandura ist zwar zur Zither geworden, aber dennoch wird sie nicht waagerecht wie eine Gusli gehalten, sondern senkrecht, und wird - wie eine Harfe sitzend gespielt.

Der Hals der Bandura wird oft  an die linke Wange gehalten. Es entsteht das Bild einer zärtlichen liebevollen Umarmung.

Ein bekannter zeitgenössischer Banduraspieler ist Jaroslaw Dzhus.


Wenn man die Entstehungsgeschichte nicht kennt, entsteht der Eindruck, daß die Bandura von Anfang an eine Brettzither war, an die seitlich eine halsartige Verlängerung angesetzt wurde, um zusätzliche  längere Saiten für die tiefen Töne  unterbringen zu können.   Wenn diese Entwicklungsgeschichte stimmen würde, wäre die Bandura ein theorbierter Zitherkasten.

Aber die Instrumentenkundler halten die Entstehung der Bandura aus der Laute "Kobsa" für sicher.


1.1.5. Die Balalaika  =  zwei Instrumente


Die Geschichte der Balalaika ist eine ganz andere:

Ihre Ausgangsform war ebenfalls - wie bei der Bandura - die Laute (Tanbur/Dombra). Diese Lautenform blieb bei der Balalaika  aber immer erhalten: die Symmetrie der Form, der mittig gesetzte Hals  und auch die Geringzahl der Saiten (2 oder 3 Saiten).

Verändert aber wurde der  K o r p u s . Der ursprüngliche kleine Lautenkorpus, der viele Formen haben konnte (rund, oval, bootspaddelförmig, schaufelförmig-schmal-dreieckig), wurde vergrößert und umgeformt in Richtung auf den dreieckigen Korpus des Psalteriums in seiner breiten Form.

Während die Bandura zur Zither wurde und ihre Lauten-Identität erlosch, behielt die Balalaika ihre  zwei  Identitäten, sie blieb  Laute  und  Zither  zugleich.


"Zwei Seelen, wohnen nun, ach! in meiner Brust..."

Lassen wir den deutschen Dichter Goethe zu Wort kommen:

"Zwei Seelen, wohnen nun, ach! in meiner Brust..."

Doch anders als im Goethe-Zitat, will bei der Balalaika die eine sich nicht von der andern trennen, sondern beide bleiben vereint und ziehen den Zuhörer - um weiter mit Goethe zu sprechen - "himmelwärts".

Die Balalaika verbindet die Form und Klangwelt der Laute mit der Form und der Klangwelt des dreieckigen Psalteriums.


Es entsteht der berühmte  2-Welten-Klang Klang des Instruments, ein violett-silbriger Klang, von dem gesagt wird, daß er das Ohr verzaubert.

 

In der pflanzlichen Hybridzucht ist der sogenannte Heterosis-Effekt bekannt.

Hybriden zeigen im Vergleich zu reinerbigen Lebewesen eine größere Vitalität und Leistungsfähigkeit. Es scheint, daß dieser Effekt auch für die Balalaika gilt.



Zusammenfassung:


Die  BALALAIKA 

läßt sich erklären als  eine  Synthese  von 


LANGHALS-LAUTE        ( Persische  Tanbur,  asiatische Tanburformen )

                

UND

 

DREIECKS-ZITHER       ( Persische  Santur,  In Byzanz  und in

                                       Westeuropa verbreitetes  Psalterium )

                  



Anmerkungen:

1. Das Psalterium wurde nicht in Europa erfunden, sondern stammt ursprünglich aus Asien. Eine alte Psalteriumsform ist der persische Santur. In Europa wurde das Psalterium vervollkommnet und in vielen Variationen gebaut.

2. Das persische Psalterium hatte die Form eines breiten symmetrischen Trapezes. Seine Saiten wurden aber nicht gezupft, sondern mit Hämmern angeschlagen.

3. Die Synthese der  F o r m e n  von Laute und Psalterium ist leicht nachzuvoll-ziehen, der  g e o m e t r i s c h e  Beweis also leicht zu erbringen, die historische Beweisbarkeit ist jedoch zweifelsfrei kaum möglich, da Instrumentenbauer über ihre Absicht keine schriftlichen Quellen hinterlassen haben. Übrigens: ein großer Teil der Erkenntnisse der Instrumentenkunde - das gestehen sogar die Musikwissenschaftler ein - beruht auf Spekulation, auf Wahrscheinlichkeiten, auf Schlussfolgerungen. Diese gelten so lange, bis eindeutige historische Quellen ein neues Bild liefern.


Der Formwandel der Balalaika

Am Anfang ihrer Entwicklung hatte die Balalaika eine andere Form als heute. Im 10. Jhd. hatte sie den persischen Namen "Tanbur". Sie war ein Lauteninstrument mit langem Hals und kleinem ovalen Korpus.

Die Tanbur bzw. Dombra (wie sie später in Zentralasien genannt wurde) wurde aus einem Kürbis hergestellt oder aus Holz geschnitzt. Bei der Kürbisbalalaika war die Korpusform durch den gewählten Kürbis festgelegt. Die holzgeschnitzte Ausführung der Balalaika war in der Form dagegen flexibel.

Sehr häufig begegnete die "Lopata", d.h. die Schaufelform, bei der sich bereits die spätere Dreiecksform andeutete. Jedoch hatte diese "Lopata-Balalaika" einen noch sehr kleinen Korpus und einen sehr langen Hals.

 

Zu ihrer heutigen Form gelangte die Balalaika durch vier grundlegende Veränderungen der Tanbur/Dombra:


1. Verkürzung des langen Halses
2. Vermehrung der Bünde

3. Vergrößerung des  Korpus

4. Schaffung einer Dreiecksform nach dem Vorbild von Kantele/Gusli

5. Verbreiterung der schmalen Dreiecksform


Das Psalterium war ein beliebtes Instrument in Persien. Dort hieß das Psalterium Santur. Das Psalterium war auch in Byzanz und in Westeuropa verbreitet und auch in Russland bekannt. In Nordrussland gab es die Kantele, eine schmale Form des Psalteriums. Es gab auch breitere Ausführungen. 

Eine beliebte Form des Psalteriums in Russland war die "Schlemowidnye Gusli" 

( helmförmige Gusli ).  In der Form der heutigen Balalaika (Dreiecksform mit gerundeten Seiten) ist das Vorbild der Schlemowidnye Gusli noch erkennbar.

(siehe nachfolgende Abbildung: Schlemovidnye gusli)


Gusli schlemovidnye (Helmförmige Gusli). Ein Psalterium